Archiv: Chor Ad Libitum und Ensemble Barucco

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MARIENVESPER

• Prolog von Leo Zogmayer über den Begriff Imago Dei
• Musik von Monteverdi

Ein Doppeljubiläum zur Eröffnung von „Imago Dei“ 2019: Das vor 20 Jahren gegründete Festival für religiöse Musik und der vor 25 Jahren gegründete niederösterreichische Chor Ad Libitum feiern mit einem der größten Kunstwerke des Abendlandes, Claudio Monteverdis „Marienvesper“. Ihr stilistischer Reichtum von traditioneller Polyphonie bis zu den damals modernen konzertierenden Elementen wird beim Chor Ad Libitum und den Alte-Musik-Spezialisten des Instrumentalensembles Barucco ideal aufgehoben sein. Im originalen Werktitel ist extra die Bezeichnung „da concerto“ angefügt, ein Hinweis darauf, dass die „Marienvesper“ ein geistliches Konzert zur abendlichen Andacht, ein Klang gewordenes Vesperbild darstellt. Mit den Concerti wird die heilgeschichtliche Bedeutung Mariens geschildert, von ihrer Erwählung bis zur Beweinung ihres Sohnes, der sich hingegeben hat als Gabe und als Opfer.

Prolog von Leo Zogmayer über den Begriff Imago Dei

Wenn der berühmte Rabbi Baal-schem-tow eine besonders schwierige Aufgabe zu erledigen hatte, ging er an eine bestimmte Stelle im Wald, zündete ein Feuer an   und sprach, in Meditationen versunken, bestimmte Gebete. Und das Schwierige, das er dann zu verrichten hatte, gelang ohne Probleme. Alles geschah, wie er es vorgesehen hatte.

Als eine Generation später sein Nachfolger vor einer großen Aufgabe stand, ging er an jene Stelle im Wald und sagte: „Das Feuer können wir nicht mehr machen, aber die Gebete können wir sprechen.” Und nachdem er sie gesprochen hatte, ging alles problemlos vonstatten.

Wieder eine Generation später hatte abermals ein Rabbi in einer großen Herausforderung zu bestehen. Auch er ging in den Wald. Dort sagte er: „Wir können das Feuer nicht mehr anzünden, wir kennen auch die Meditationen nicht mehr, die das Gebet beleben. Aber wir kennen den Ort im Wald, wo all das hingehört, und das muss genügen.” Und es zeigte sich, dass es tatsächlich genügte. 

Und noch eine Generation später blieb dem Rabbi nichts anderes übrig, als sich zu Hause auf einen Stuhl zu setzen und zu sagen: „Wir können kein Feuer machen, wir können die vorgeschriebenen Gebete nicht mehr sprechen, wir kennen auch den Ort im Wald nicht mehr, doch wir können die Geschichte davon erzählen.” Und die Geschichte allein hatte dieselbe Wirkung wie die Handlungen der drei anderen. 

Diese Erzählung entstammt der chassidischen Tradition, einer 2000 Jahre alten mystischen jüdischen Bewegung, die im 18. Jahrhundert in Osteuropa zu später Blüte gelangte. Ich muss noch anmerken, dass Musik, besonders der Gesang des Zaddiks, so nannten die Chassidim ihren Rabbi, in dieser Gemeinschaft eine zentrale Rolle spielte. 

Wenn wir heute, im 21. Jahrhundert, in Konzertsälen – oder wie hier in einer säkularisierten Kirche – religiöse, also liturgische Musik hören, befinden wir uns in einer ähnlichen Situation wie die zitierten Chassidim. Messen von Palästrina bis Messiaen berühren, inspirieren uns, obwohl viele Konzertbesucher mit den liturgischen Inhalten und Formen kaum oder gar nicht mehr vertraut sind.

Selbst wer sich von den religiösen Inhalten distanziert, kann sich ihrer Wirkung oft nicht entziehen. Friedrich Nietzsche, der "Gott-ist-tot-Philosoph", schrieb an einen Freund: „In dieser Woche habe ich dreimal die Matthäuspassion gehört, jedesmal mit demselben Gefühl der unermesslichen Verwunderung. Wer das Christentum völlig verlernt hat, der hört es hier wirklich – wie ein Evangelium."

Das in der chassidischen Geschichte beschriebene Phänomen und die aktuellen Beispiele legen nahe, dass die Aufweichung oder sogar der Verlust der Kenntnis des kultischen Umfelds die Wirkung eines sakralen Werkes nicht unbedingt beeinträchtigen müssen. Ja, ein gewisser Grad an Profanierung tut vielleicht sogar gut. Als könnten wir die gleiche Sache nun von einer anderen Seite betrachten und so neu entdecken. Der römische Rechtsphilosoph Trebatius schrieb vor knapp 2000 Jahren: "Was den Menschen einst durch rituelle Weihe entzogen worden ist, das wird durch Profanierung derselben Dinge den Menschen wieder zurückgegeben."

Wenn wir innerhalb eines Festivals religiöser Musik über den Topos Imago Dei, über Gottesbilder reden, dann ist klar, dass es nicht so sehr um Bilder im engeren Sinn, um Gemälde und plastische Bildwerke geht, sondern um all das, was sich im musikalischen, performativen, rituellen, auch literarischen Sinn, letztlich in unserem Inneren, zu einem Gottesbild, einem Imago Dei bündelt. Ich will heute auch nicht ausführlich auf die generelle Problematik von Gottesbildern, auf Bilderstreit und ikonoklastische Bewegungen eingehen. Ich will im 20. Jahr dieses Festivals vielmehr der Frage nach der rätselhaften, gleichermaßen unbestreitbaren Wirkung religiöser Kunst in nachmetaphysischen Zeiten, wie unsere Epoche oft bezeichnet wird, nachgehen. 

Imago – Dei. Imago: Bild! Es geht ums Imaginieren, verbildlichen. Die Voraussetzung, dass das gelingen kann, liegt im Schauen – bevor wir ein Bild generieren. 

Das zweite Gebot der Juden und Christen sagt ja etwas sehr Weises aus. Dieses Gebot, als Anbot verstanden, ist übrigens auch für Atheisten und auch gänzlich außerhalb eines religiösen Kontextes nützlich: Du sollst dir kein Bildnis machen! Der Akzent liegt auf machen. Nicht alle Bilder werden an den Pranger gestellt. Nur die gemachten, die berechnenden, manchmal hinterhältigen Bilderfindungen, Vorstellungen und Illusionen.

Der Akzent liegt also auf dem eigenständigen Schauen, um nicht einem vorgegebenen Bild – blind – zu folgen. Das gilt auch für die Theologie, deren Name sich vom griechischen Verb theorein ableitet. Auch das heißt wieder nichts anderes als schauen. Der Theologe soll erst einmal – schauen. Und was sich dann, in der wirklich gründlichen Schau zeigt, das kann dann, mit aller Vorsicht – vielleicht – Gott / theos genannt werden.

Bei Bildern vermuten wir, dass die Kunst im Spiel ist. Wovon ist die Rede, wenn wir Kunst sagen? Eine letzte Definition von Kunst kann es nie geben. Es gibt aber unzählige Umschreibungen und Annäherungen. Mir gefällt eine einfache Formel des deutschen Philosophen Marcus Steinweg: "Kunst ist Öffnung ins Inkommensurable." Also ins Nichtmessbare, Unermessliche. In der Kunst interessiert uns, wovon wir noch kein Wissen haben. 

Zuletzt kurz etwas zum Leitbegriff aller Kunstreflexion und -theorie: Ästhetik, von griechisch Aisthesis, deutsch: Wahrnehmung. Wieder nur ein anderes Wort für schauen. Es geht demnach in der Kunst nicht nur oder primär ums Bildermachen. Die Voraussetzung und Essenz aller künstlerischen Tätigkeit, zu der laut Joseph Beuys jeder Mensch fähig ist, liegt im Wahrnehmen, im Schauen. Natürlich gehört das Hören mit dazu.

Künstler, Künstlerinnen schauen – so es ihnen gelingt – unvereingenommen. Sie übernehmen ästhetische Wertungen der tradierten Kultur nicht – oder nur widerwillig und kritisch. So wird auch das Schlüsselwort der Kunst – das Wort schön – verständlich. Schön kommt von schauen. Was wir schauend erfahren ist schön. Statt schön könnten wir, etwas profan übersetzt, auch sichtbar sagen. Sicht-bar – das meint: bare Sicht. Ludwig Wittgenstein redet vom Künstler als Realisten, der uns "nicht in einen schönen Traum einwiegen will, sondern die Welt dadurch erlöst, dass er sie sieht, wie sie ist.“ Wie sie ist meint natürlich wie sie wirklich ist, wie wir sie sehen, wenn wir die übernommenen Weltbilder und -deutungen durch-schaut haben.

Die Hauptvokabel in unserem Verständnis von Religion ist wohl das Wort Glaube. Die problematische, oft ins Irrlichtige abdriftende Seite ist der Glaube an etwas, z.B. an vorgegebene, vorgeschriebene Dogmen und Bilder. Das lateinische Wort Credo eröffnet jedoch eine ganz andere Sicht: Credo – von cor + dare – Herz geben. Credo: Ich gebe oder schenke oder öffne mein Herz. Wer offen ist, wird anders mit der Welt und seinen Mitbewohnern umgehen, wird sich selber im Mitmenschen wiedererkennen, wird andere Erfahrungen machen als ein Mensch, der sein Herz in sein Ego einschließt. Die Erfahrungen des offenen Herzens formen in der Folge den Glauben als innere Gewissheit aus. Da sind oft einengende Vorgaben hinderlich. Denn – "Beim Glauben ist jeder der Erste" – so die theologische Summe des dänischen Philosophen Sören Kierkegaard. 

Alle relevanten kreativen – und humanen – Kulturleistungen haben die Grundhaltung der Öffnung zur Voraussetzung. Es liegt auf der Hand, dass Spiritualität und Ästhetik immer auch eine politische Konsequenz haben. Heute erleben wir, dass sich viele Regierungen, beispielsweise der USA, Brasiliens, der Türkei, Polens, Ungarns, um nur einige zu nennen – ja, und auch die österreichische Regierung – in zunehmendem Maße dieser Einsicht, diesem Grundgesetz des Humanum – verweigern und widersetzen. 

Ob es uns gefällt oder nicht, die globale Situation nötigt uns gleichsam zur Transformation der Menschheit in eine planetarische Gemeinschaft. Nur unter dem Paradigma des globalen Dialogs haben wir, hat die Menschheit Zukunft. Jede Form von nationaler Ein- oder Ausgrenzung folgt einer törichten und höchst gefährlichen Phantasie / Ideologie.

Ich habe meinen Prolog mit einer kleinen Geschichte begonnen und lasse ihn nun mit einer kleinen Geschichte ausklingen. 

Was ich im Kontext von Kunst als Erfahrung wirklicher Wirklichkeit beschreibe, wird von verschiedenen Religionen als Eintritt in die messianische Welt oder in das Reich des Friedens oder in die kommende Welt beschrieben. Lassen sie sich nicht verwirren, die kommende Welt ist die Welt, in der wir schon immer leben, der wir uns aber durch gemachte Bilder und die Identifikation mit fragwürdigen Modellen entfremdet haben.

Ich zitiere eine kurze Geschichte ähnlicher Provenienz wie zu Beginn: 

"Bei uns gibt es einen Spruch, der besagt: In der kommenden Welt wird alles so eingerichtet sein, wie wir es kennen. Wie unsere Stube jetzt ist, so wird sie auch in der kommenden Welt sein; wo unser Kind jetzt schläft, da wird es auch in der kommenden Welt schlafen. Was wir in dieser Welt am Leibe tragen, das werden wir auch in der kommenden Welt anhaben. Alles wird sein wie hier – nur ein klein wenig anders. Weil aber dieses Ein-klein-wenig-anders, diese kleine Verrückung – so schwierig ist – brauchen wir hiefür den Messias."

In den großen Momenten des Lebens verändert sich meist nicht der äußere Zustand der Welt, sondern der Sinn und die Grenzen verändern sich. Als wäre da ein Erzittern dessen, das sich plötzlich wie vollendet zeigt – ein Schillern der Ränder. 

Um in diesem Sinne verändert, ein wenig ver-rückt, ein wenig undicht, ein wenig offener zu werden – dafür brauchen wir, so wurde gesagt, einen, der das zu bewirken vermag: einen Messias – einen Propheten, eine Prophetin, Künstler, Musiker, Sängerinnen, inspirierte Komponisten ... Nach ihnen hält das Festival Imago Dei Ausschau – seit 20 Jahren.

STOP

Programm

Programm

In einem kurzen Prolog zum 20. Osterfestival reflektiert der Künstler Leo Zogmayer den Begriff Imago Dei, der für viele ZeitgenossInnen zu einer kontaminierten und verzichtbaren Vokabel geworden ist.

Claudio Monteverdi (1567 – 1643)
Marienvesper (Vespro della Beata Vergine da concerto)


Chor Ad Libitum
Ensemble Barucco
Heinz Ferlesch, Musikalische Leitung und Choreinstudierung

Christina Andersson, Sopran
Cornelia Horak, Sopran
Tore Tom Denys, Tenor
Erik Leidal, Tenor
Matthias Helm, Bariton
Ulfried Staber, Bass

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