Imago Dei 2013

Nacht & Träume

„Nacht“ und „Traum“ sind Lebenswirklichkeiten, aber auch emotionale Vorstellungsbilder für Empfindungen, Sehnsüchte und Utopien.

Nacht bedeutet Ruhe und Geborgenheit, aber auch Geheimnis, Einsamkeit und Angst.

Traum bedeutet Wirklichkeit des Unbewussten.

Die Nacht ist die Muse vieler Liebender und Verbrecher.

Der Traum transzendiert die Wirklichkeit, verwandelt Ratio in Poesie und schafft eine unerreichbare Gegenwelt.

Der Traum ist die unbewusste Äußerung eines Ichs, als Illusion, Vision, Utopie – nicht nur positiv besetzt, sondern auch abgründig, beängstigend, erschreckend. Untrennbar damit verbunden und vergleichbar vieldeutig die Nacht, oftmals Ursprung des Traums, als Chiffre für Geborgenheit, Liebe, Sehnsucht, aber auch für Angst, Wahn, Bedrohung, Tod.

Beide, Nacht und Träume, verschmelzen, weil die Nacht der Ort der Träume ist.

Und beide, Nacht und Traum, waren immer und sind exponierte Themen aller Künste.

Als Friedrich Schlegel vor mehr als 200 Jahren in seinem „Athenäum“-Fragment eine „progressive Universalpoesie“ postulierte, begründete er eine Epoche: die Romantik. Sie wurde in vielerlei Hinsicht wirksam und ist es bis heute. Schlegels – die aufklärerischen Ideen der vorangehenden Jahrzehnte ablehnende – Forderung nach Verschmelzung der Kunstgattungen, besonders aber nach Durchdringung der Welt mit Phantasie, nach der Versöhnung von Mensch und Natur, von Menschen miteinander, nach Entgrenzung von Traum und Wirklichkeit scheint auch eine Sehnsucht des modernen Menschen geworden zu sein. Doch es mehren sich die Zeichen, dass diese Romantisierung heute eine völlig andere Perspektive eingenommen hat: So zum Beispiel streben tatsächlich viele Menschen nach einem Ideal von Natur und Natürlichkeit, sei es in Ernährung oder im Tierschutz, sei es als Bergsteiger oder Camper. Ob dies allerdings Ausdruck einer veränderten Wahrnehmung der Natur ist, muss in Frage gestellt werden. Vielmehr verkommt sie zu einem Sehnsuchtsort, zu einer Traumwelt.

Das romantische Ich als Schöpfer einer Verschmelzung von Natur und Geist muss alle Möglichkeiten seines Selbst ausloten, muss sich erforschen, um eine Romantisierung der Welt herbeiführen zu können. Diese Selbstreflexion führt in die Tiefen des Ichs, in das Dunkel, in die Nacht der Psyche. In der Seele ist der gesamte Kosmos abgebildet. Nicht zuletzt daraus erwächst seit der Romantik die Beschäftigung mit dem Traum und den Abgründen der Seele. Nacht und Traum werden zu Chiffren, zu vielfältigen Motiven der Kunst, offen für vielerlei Assoziationen.

Das diesjährige Programm des Osterfestivals „Imago Dei“ spiegelt diese weiten Interpretationsräume, spürt ihnen in Musik, Literatur, Poesie, Malerei und Medienkunst nach und versucht Fragen nach den Träumen des gegenwärtigen Ichs und der heutigen Gesellschaft aufzuwerfen.

 

Jo Aichinger

(Künstlerischer Leiter Osterfestival Imago Dei)