KONTRASTE: Das ist das Festival seltsamer Musik in ihren schillerndsten Facetten –widersprüchlich und kurios, rar und kostbar, abwegig und divers, brandneu und uralt, laut und leise, hell und dunkel, heiß und kalt, bitter und süß – offen für die eigentlichen Töne, manchmal lyrisch, zuweilen brachial tosend … ein Festival für originäre und originelle musikalische oder sonstwie klingende Äußerungen. Incredibly Strange Music! Dieses Jahr beginnt es irr-, vor- und aberwitzig mit einer Invasion der Mäuse samt Tex Rubinowitz und Spezialgastmaus Max Müller von der legendären Formation Mutter aus Berlin, gefolgt von der noch taufrischen, eigentlich inkompatiblen Duo-Combo mit Blixa Bargeld, dem Chefzertrümmerer der Einstürzenden Neubauten, und dem coolen Ingenieur-Musiker und Multigestalter alva noto alias Carsten Nicolai. Schließlich noch die seniorenlegendäre, notorisch probenfaule, anarchistisch-postdadaistische Nihilist Spasm Band aus Kanada auf ihren selbstgebauten Instrumenten.
Tags darauf demonstriert die musikalische Kraft- und Kreativzelle Josef Klammer, dass Trommeln ein dehnbarer Begriff ist. Danach schlägt er die Hyperdrums und lässt sie vom Kongenius Seppo Gründler elektronisch und elektrisch modulieren. In eine einzigartige musikalische Welt führt die Cellistin und Komponistin Okkyung Lee mit ihrer Verschmelzung von Geräuschen, Free Music und traditionellen koreanischen Klängen; nach Krems kommt sie im Trio mit dem erfindungsreichen britischen Gitarristen Keith Rowe – mit AMM ein Pionier neuer Improvisationsmusik – und dem norwegischen Meister des Videobildrauschens Kjell Bjørgeengen. Damit ist der Abend aber längst nicht zu Ende: Lappetites, eine transnational vernetzte Open Source-Plattform um die Musikerinnen Kaffe Matthews, Antye Greie-Fuchs aka AGF und Ryoko Akama stellen den jüngsten Forschungsstand ihrer multiautobiographischen Oper „Fathers“ vor.
Das erste Oktober-Wochenende startet im Freien am Minoritenplatz mit „Galileo“, einer musikalischen Performance Installation des Altmeisters der „rationalen Musik“ Tom Johnson, dem Kontraste eine kleine Hommage zu seinem 70sten widmet. Dann folgt der spektakuläre Höhepunkt von KONTRASTE 2009: Tourneeauftakt und Europa-Premiere von Lou Reed’s Metal Machine Trio. Die jüngst gegründete Band mit Lou Reed an diversen Gitarren, Ulrich Krieger als expandierendem Saxophonisten und Sarth Calhoun als Fingerboardspieler und Echtzeit-Klangprozesseur spielt lyrisch und massiv zugleich, sie improvisiert und folgt doch strengen Regeln. MM3 bewegt sich auf den Spuren jenes experimentellen Noise- und Feedback-Projekts Metal Machine Music von 1975, mit der Mega- Rockstar Lou Reed einst sein Image so kräftig und skandalös gegen den Strich bürstete, dass er zunächst fast überall auf völlig taube Fan- und Kritikerohren stieß und doch zum Pionier von Noise und Ambient avancierte. Aber Achtung: ABSOLUTELY NO SONGS!
Zum Abschluss dann noch einmal Tom Johnson, der performativ seine Bewunderung für Galileo Galilei’s Entdeckungen zum Ausdruck bringt. Für logisch-mathematisch geschulte, aufmerksame Lauscher spielt, begeht und zählt der begnadete Schlagwerker Adam Weisman die „Nine Bells“ von Tom Johnson. Die Warp-Artistin und circensische Elektronikzauberin Mira Calix trifft auf die versierte und Neue Musik erfahrene Pianistin Sarah Nicolls mit ihrem famosen Hyperpiano – eine aufregende und eigentlich unmögliche Begegnung weit voneinander entfernter Konzepte – musique paradoxe. Die Kombination des Alchemisten und musikalischen Schamanen Charlemagne Palestine am puppendrapierten Piano mit dem höchst subtilen, latent auch ironischen Echtzeitmusik-Trio Perlonex garantiert nicht nur pulsierende Kaskaden, sondern auch unberechenbare kultische Handlungen vor, mit und gegen das Publikum. Lassen Sie uns hören und sehen, bis uns Hören und Sehen vergeht!
Jo Aichinger (Krems),
Gottfried Hattinger (Linz),
Matthias Osterwold (Berlin)