Das Salz der Erde - Das Licht der Welt

Vorwort

IhoAhnLettischer Radio ChorLudus GravisErdal Erzincan

„Ihr seid das Salz der Erde.
... die, die wirksam sind!“
„Ihr seid das Licht der Welt.
... die, die ausstrahlend sind!“

Ostern ist die Zeit der Kontemplation, der inneren Einkehr und Stille. Angesichts der jüngsten sozialen, öko-politischen Einbrüche, nach globalen Auswirkungen von weltweiten Katastrophen, den von Natur und Mensch verursachten Verwüstungen, den andauernden und nach wie vor verblüffenden Umbrüchen in den weltweiten Kapitalmärkten, den Rebellionen und kriegerischen Auseinandersetzungen im arabischen Raum scheint es immer dringlicher, dass wir uns einige Fragen stellen zu den Folgen und notwendigen Reaktionen.

Im Zentrum des Programms von IMAGO DEI 2012 steht die Botschaft der Bergpredigt aus dem Matthäus-Evangelium des Neuen Testaments. Die Radikalität dieser Rede hat immer wieder Schriftsteller, Philosophen und Revolutionäre inspiriert und veranlasst, ihre Inhalte in Beziehung zu aktuellen Veränderungen und Umstürzen der Menschheit zu setzen. Martin Luther King jr. setzte das Konzept der Gewaltlosigkeit und der Feindesliebe gegen rassistische Gewalt. Der lutherische Theologe Dietrich Bonhoeffer, Widerstandskämpfer gegen das Dritte Reich, schrieb 1936: „Dieses ,Liebet eure Feinde!’ macht den Jünger sehend, dass er im Feind den Bruder erkennt,...“. Mahatma Gandhi folgte strikt dem Gewaltverbot im Kampf für die Unabhängigkeit Indiens. Pfarrer Christian Führer der Nikolaikirche in Leipzig bezog sich während des gewaltlosen Kampfes gegen das kommunistische DDR -System auf die „Rede von der wahren Gerechtigkeit“.

Ein rabbinisches Wort besagt: „Das Salz des Geldes liegt in der Wohltätigkeit.“ Geld gewinnt an Genießbarkeit, indem es wohltätig und gerecht verteilt wird - ein völliger Gegensatz zu Geiz, Gier und Egomanie des Neo-Kapitalismus und den sozialen Divergenzen der heutigen Zeit. Salz und Licht als Sinnbild stehen dabei für die Verfeinerung und Erleuchtung der Welt. Demnach muss der Mensch selbst die Verantwortung für seinen Lebensraum auf Erden tragen, für eine gemeinsam verantwortete Gegenwart und Zukunft und für die Entwicklung und Gestaltung eines gelungenen Lebens und moralischen Handelns. Es ist ein Aufruf zu mehr Menschlichkeit und Würde und dafür, sich der Verantwortung für das Leben zu stellen.

Die Universalität dieser Exegese über die Verantwortung des Menschen ist in vielen Konfessionen zu finden. Der persische Rechtsgelehrte und Mystiker Abu Hamid al-Ghazzali (1058–1111) bezog sich auf Inhalte der Bergpredigt, um seine Botschaft der Duldsamkeit zu verkünden. Auch die drei fernöstlichen Lehren, Taoismus, Buddhismus und Konfuzianismus, finden sich mit der Lehre von der Zurückhaltung in Mitteln und Kräften in der Bergpredigt wieder. „Der sittliche Mensch liebt seine Seele, der gewöhnliche sein Eigentum.“ Konfuzius, (551 - 479 v. Chr.) Trotz aller Unterschiede der Weltreligionen haben sie Entscheidendes gemeinsam: ihre Lebensanweisungen und Lebensgebote, ihre praktischen Verhaltensweisen, ihre Moral, ihr Ethos. Diese Gemeinsamkeit versucht Imago Dei musikalisch zum Ausdruck zu bringen. Es geht nicht um spezifische Glaubensbekenntnisse oder festgelegte Dogmen, wohl aber um praktische Menschlichkeit und Gegenseitigkeit, die die geistige Basis aller Programmpunkte des Festivals bilden.

Ton und Wort, Klang und Sprache führen bei IMAGO DEI 2012 in verschiedenste Konfessionen und Regionen der Erde, von Europa nach Nordafrika bis in den Fernen Osten, vom tief spirituellen und kontemplativen Chorgesang der Felsenkirchen Äthiopiens zu meditativer Improvisation auf den Spuren kurdischer und persischer Sufi-Poeten, von epischen Gesängen der koreanischen Pansori zu transformierten Bild-Ton-Strukturen von Renald Deppe und Michael Bruckner-Weinhuber im Dialog mit koreanischen Musikern.

Auch die Kompositionen von Klaus Huber und Younghi Pagh-Paan gehen aus von starken Visionen eines hohen ethischen Bestrebens. Inmitten des Kreislaufs von Gewalttätigkeit und Inhumanität versenden die beiden Klänge der Versöhnung und des Friedens, aber auch des Widerstands gegen Ungerechtigkeiten. Die spirituelle Musik der Russinnen Galina Ustwolskaja und Sofia Gubaidulina thematisiert den Dualismus der dunklen diesseitigen Erde und des fernen jenseitigen Lichtreichs Gottes. Die menschlichen Stimmen des Lettischen Radio Chores erschaffen die Helligkeit des Daseins, und im Ostermontagskonzert schließen Accordone und La Reverdie mit den Seligpreisungen aus der Bergpredigt als Klang gewordenen Botschaften. Ihnen allen ist gemeinsamen, die großen Werte und Maßstäbe des Menschenseins ins Bewusstseinm zu rufen: Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit, Partnerschaft, soziale Verantwortung.

Herzlich willkommen
Jo Aichinger