Es werde Licht

Vorwort

Jordi SavallKöhne QuartettNatalia PschenitschnikovaHeinrich SchiffOdhecatonRaushan Orabaeva

„Imago Dei“ 2010 macht das Licht hörbar. In der Karzeit herrscht Dunkelheit: Das Dunkel des Leids und des Todes Jesu, das Dunkel des verhüllten Kreuzes, das Dunkel der zugeklappten Altäre. Die Glocken verstummen, die Musik ist ein Geflecht aus Klageliedern. Der Prophet Jeremias sieht sich in die Dunkelheit und nicht ins Licht geführt.

„Und von der sechsten Stunde an war eine Finsternis über dem ganzen Land.“ „Bei Tag und Nacht lass fließen deine Tränen gleich einem Sturzbach.“ Responsorium 2 zum „ Sabbato Sancto“

Die Kerzen erlöschen. Das Osterfeuer entzündet in der Nacht der Auferstehung neues Leben. „Lux aeterna.“ Das Licht Jesu, das den ungläubigen Saulus blendet und ihn zum Paulus bekehrt,
bringt Leben. Vom Wandel der Dunkelheit ins Licht klingt „Imago Dei“ 2010. Vom Weg aus dem Osten in den Westen, vom Orient in den Okzident. Von der Nacht in die Morgenröte. Das aufgehende Licht zeigt den Übergang vom Leben zum Tod. Denn in der Dunkelheit ist das Licht schon veranlagt.

„Um zu erleuchten, die in Finsternis und Todesschatten sitzen ...“ Benedictus, Lukas I

Aber in „Imago Dei“ erklingt auch der Wandel der Bedeutung von Dunkelheit und Licht in unserer Zeit. Das künstliche Licht bewirkt eine optische Umweltverschmutzung. Licht herrscht jetzt Tag UND Nacht. Im permanenten Licht entfernen sich die Menschen immer mehr von den natürlichen Zyklen von Helligkeit und Dunkelheit. Die Stille ist in der Lautstärke der Helligkeit verloren gegangen. Was bedeutet heute Licht im biologischen Sinn? Müssen wir die Dunkelheit zurückgewinnen? Die Dunkelheit bietet Geborgenheit, das Licht hingegen macht schutzlos. Wer immer im Licht steht, verbrennt. Dem äußeren Licht ausgeliefert, findet das Individuum sein inneres Licht nicht mehr. Das Licht im Menschen ist aber für alle Religionen gleichbedeutend mit dem Göttlichen. Das Osterfeuer ist zur Dauerflamme geworden. Dem Lichtzwang ist nicht mehr zu entkommen. Explosionen erhellen die Welt. Die Katastrophen ereignen sich im gleißenden Licht. In den Extremen der Kommunikationsgesellschaft wird nur mehr in Flammen geredet. Es werden nur mehr Brandreden gehalten, um sich Gehör zu verschaffen. Doch:

„Gib deinem Spruch auch den Sinn: gib ihm den Schatten.“ Paul Celan, „Sprich auch du“


Das Kunstprinzip des „chiaroscuro“ (helldunkel) dramatisiert den Gegensatz von Licht und Schatten. Bei „Imago Dei“ 2010 geht die Schwere der Nacht in die Fröhlichkeit des Lichts über, die Litanei der Stundengesänge bringt den Rhythmus von Tag und Nacht zurück, auf Notturno und Totentanz folgen Auferstehung und spirituelles Feuer, in der Finsternis leuchten Mond
und Sterne auf, die Sonne strahlt in die Seele.

„O Seele, du musst dich in mir suchen.“ Santa Teresa de Jesús, „Lux Feminae“


Das laute Licht und die stille Dunkelheit gehen über in leises Leuchten und die klare Finsternis.
Es werde Licht.

Josef Aichinger,
Künstlerischer Leiter