Freitag
10. Oktober 2008

Klangraum Krems Minoritenkirche

Karlheinz Stockhausen Cosmic Pulses

2007 Österreichische Erstaufführung
Elektronische Musik - 13. Stunde aus KLANG, Die 24 Stunden des Tages

Bryan Wolf: Klangregie

Mit COSMIC PULSES, einem seiner letzten Werke, betritt Karlheinz Stockhausen, der im Dezember 2007 kurz vor seinem 80. Geburtstag starb, noch einmal kompositorisches Neuland, ein für ihn unbekanntes Terrain, von dem er nicht wusste, wohin es ihn führen würde. Es ist in gewisser Hinsicht die erste und einzige „Noise Music“, die Stockhausen geschaffen hat. Dieses ultrapolyphone, rätselhafte Werk von 32:58 Minuten Dauer schichtet eine Stimme nach der anderen aufeinander und erzeugt in der Überlagerung der immer schneller und höher werdenden Stimmen ein schwirrendes, undurchhörbares, chaotisches Geflecht mit einer erregenden, ja verstörenden Wucht und Kompaktheit der Klänge, wie wir es vielleicht noch nie gehört haben, jedenfalls nicht bei Stockhausen – wahrhaftig ein pulsierendes musikalisches Abbild unendlich komplexer kosmischer Kraftfelder. COSMIC PULSES repräsentiert die 13. Stunde in dem auf die 24 Stunden des Tags angelegten und unvollendet gebliebenen Zyklus KLANG, den Stockhausen 2004 begann, nachdem er den monumentalen Zyklus LICHT (1977-2003) abgeschlossen hatte.

„24 melodische Schleifen mit verschieden vielen Tonhöhen zwischen 1 und 24 Tönen rotieren mit 24 Tempi und in 24 Registern im Umfang von circa 7 Oktaven. Die Tempi 240–1,17 gelten für Sequenzen von 8 Impulsen. Also bedeutet Tempo #24: 240 x 8 = 1920 Impulse pro Minute, Tempo #1: 1,17 x 8 = 9,36 Impulse pro Minute. Die Schleifen werden nacheinander von der Tiefe zur Höhe und vom langsamsten bis zum schnellsten Tempo übereinander geschichtet und setzen danach in dieser Reihenfolge nacheinander aus…Das für mich vollkommen Neue ist die Art von Verräumlichung: jeder Abschnitt einer der 24 Schichten hat seine eigene Raumbewegung zwischen 8 Lautsprechern, so dass ich 241 verschiedene Raumbahnen zu komponieren hatte. Das klingt sehr technisch – und ist es auch. Ich habe zum ersten Male eine Überlagerung von 24 Klangschichten ausprobiert, als hätte ich die Rotationen von 24 Monden oder 24 Planeten zu komponieren (der Planet Saturn hat zum Beispiel 48 Monde). Ob man das alles hören kann, weiß ich noch nicht, hängt davon ab, wie oft man eine 8-kanalige Aufführung erleben kann. Jedenfalls ist das Experiment äußerst spannend!
COSMIC PULSES ist ein Auftragswerk von Dissonanze (Roma) und dem künstlerischen Leiter Massimo Simonini der Italienischen Konzertgesellschaft Angelica. Die Uraufführung fand am 7. Mai 2007 im Auditorium Parco della Musica, Rom, statt.“
Karlheinz Stockhausen

Die Kreis-Abbildung sollte man neben einem Porträt von Stockhausen die schräge Scheibe von Cosmic Pulses zeigen.

© Karlheinz Stockhausen

© Karlheinz Stockhausen