Samstag
08. Oktober 2005

Klangraum Krems Minoritenkirche

Armchair Traveller



Bei uns kommt die Welt aus der Steckdose! Armchair Traveller stellt die Klischees marktstrategisch gestylter Weltmusik auf den Kopf, spielt verkehrt, verdreht die Tatsachen, um am Ende vielleicht echte, authentische, ethni-sche Musik der Jetztzeit hervorzubringen. Sie ist echt, weil alles an ihr unecht ist; sie ist authentisch, weil völlig neu erfunden, um doch archaisch zu klingen, sie verleugnet ihre Herkunft, indem sie sie nicht verleugnet; sie spielt mit exotischen Atmosphären, aber immer über die Bande mehrfacher Brechung. Das Cello von Sebastian Hilken, mit Büroklammern gespickt, klingt wie die „Mbira", das afrikanische Daumenklavier; die PVC-Rohre von Werner Durand, versehen mit Plastiktütenmembranen und Saxophonmundstücken, können sich geräuschlich zur Bohrmaschine verwandeln. Hella von Ploetz reibt die Glasstäbe ihrer Glasharfe mit Wasser oder streicht deren Re-sonanzblech mit einem Bogen, es klingt wie das fatamorganische Tuten eines Ozeanriesen mitten in der Wüste oder das Trompeten von Elefanten. Silvia Ocougne spielt umgebaute Gitarren – winzige Kindergitarren, Samba-gitarren, eine Gitarre, bespannt mit überkreuzten Saiten – wie Gitarre klingt es jedenfalls nicht. Auch Blumentöpfe und Pizza-Alu-Formen bekommen ihre Stimme. Der Reisende im Lehnstuhl entdeckt – so befremdet wie fasziniert – das Fremde an sich selbst.


© Jens Komossa

© Jens Komossa