14/06/2008 - 13/07/2008

Eröffnung:
Freitag 13. Juni 2008 18:00

Die schönsten Gipfel der Alpen




„Die schönsten Gipfel der Alpen“ ist ein räumlich-akustisches Modell der Alpen. Die Gipfel – von Vorgebirgsbergen bis zu den ‚Highlights’ – werden durch an Stahlseilen von der Decke hängende Radarstimmgabeln repräsentiert.

In der Fläche sind diese geografisch exakt im Maßstab 1:33.000 gehängt, die Höhen sind linear in ein überhöhtes Relief verwandelt: der Sonnenberg als östlichster und mit 484 m recht niedriger Berg der Alpen in Knöchelhöhe, der Mont Blanc mit 4.809 m als Höchster über Kopf. Analog zu den Gipfeln die sie repräsentieren, sind alle Aluminiumstimmgabeln verschieden hoch gestimmt. Als Prägung trägt jede Stimmgabel den Namen des dargestellten Gipfels.

Dieses begehbare und exakt genordete  Massiv wird durch Anschlagen der bis zu drei Minuten klingenden Stimmgabeln zum Klingen gebracht und erzeugt so ein sich wandelndes akustisches Panorama des jüngsten Gebirges Europas, ein schwebendes Klangrelief.

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So richtig schön sind die Alpen ja erst seit Goethe – auch wenn Petrarca schon 1336 den Mont Ventoux bestieg und damit zum „Vater der Bergsteiger“, dieser 26. April in der jungen Renaissance zur Geburtsstunde des Alpinismus, wurde. Danach waren sie wieder Barriere, Sitz von Gefahren und unerlaubten Göttern, bewohnt von Drachen und Hinterwäldlern. Grobe Sachverhalte. Sinnfreie Besteigungen, der Besteigung willen, kamen dann erst in der Romantik in Mode. Erhabenheit durch Überwindung. Inzwischen ist die „Traumlandschaft“ der Romantik touristisch erschlossen, der „Playground“ of Europe abgespielt – das Abenteuer anderswo; heißt es.

Die Behauptung der schönsten Gipfel ist eine vermessene Kartografie. Eine ganze Serie von Schönsten noch mehr. Der Superlativ ist eine Frage des Bezugssystems, und dieses ist beim sogenannten Schönen sehr flüchtig. Dennoch: Die Zahl der Publikationen über die schönsten Gipfel, Wanderungen, Panoramen der Alpen zeigt, dass offenbar eine Sehnsucht nach der maximalen Befriedigung durch Schönheit auch gebirgsbezogen sehr stark ist. Die Sicherheit nach Verbürgtheit des Schönen. Wahrnehmung mit Handlauf, das Matterhorn ist der Konsens.

Eine unterschwellige Empfindung von etwas Ungeheurem muss immer da gewesen sein, trotz der Zwangsbeglückung mit familiären Bergtouren. Die Empfindung für die Schwerkraft, die das sommerliche Abrutschen auf Schneefeldern möglich macht. Die Lust etwas zu erfahren, das zwischen Ebene und freiem Fall war, die Schräge, die schiefe Ebene. Je steiler das Schneefeld, desto schneller die Abfahrt und desto intensiver stieg, wie in einem kommunizierenden Gefäß, im noch lustvollen Beschleunigen die Vorstellung des eigenen, im Geröll am Ende des Schneefelds abgebremsten, zerschundenen Körpers, besonders des Kopfes, hoch. Einerseits. Andererseits die Massenanziehung, die von den Bergen selbst ausgeht. So richtig grob angefasst von der Masse eines Berges wurde ich erst viel später, der Granitmagnet des half-dome hat mir den Atem aus dem offenen Mund gesogen. Unten, am Parkplatz. Einen dort aufgelesenen faustgroßen Stein, abgeschliffenen Speckwürfelgranit, habe ich mittlerweile weggeworfen, in die Mülltonne – damit ich nichts über seinen Verbleib weiß – weil er so schwer war. Es war unmöglich, sich zu konzentrieren wegen der Schwere des Steins im Zimmer.



Richtig singen habe ich den Berg nur einmal gehört, im Toten Gebirge. Der Wind hat georgelt in den Felsen, an- und abschwellendes Kippen zwischen den Obertönen, mehrstimmig. Äolisch, nicht ortbar. Aber eine Strahlung, eine Vibration des violetten Himmels war da immer. Wenn ich durchs Gebirg ging, nebelte es ja nicht, wie wenn Büchners Lenz dies tut, sondern das Wetter war immer strahlend schön, die Berge blendeten sich alpenglühend aus am Abend und mit Rosenfingern erwachte die Frühe wieder.

Die herausragende und langwierige Beschäftigung Gaudís mit dem Problem der statischen Optimierung gipfelte in der Anwendung des Hängemodells beim Entwurf für die Kirche der Colonia Güell. Das "Hängemodell” beruht auf dem Prinzip der Umkehrung der Kettenlinie.
Danach gilt ein Bogen aus gleichbreiten Steinen als optimal geformt, wenn er nach der Kettenlinie geformt ist. Die an zwei Punkten aufgehängte Kette nimmt von selbst – eben "natürlich” – eine optimale Form an, wobei nur Zugkräfte abgeleitet werden müssen. Auf den Kopf gestellt ergibt die Kettenlinie dann einen Entwurf für den rein druckbeanspruchten Bogen. Um 1700 wurde dieses Prinzip entdeckt, das dann später in statischen Handbüchern Verbreitung fand. Obwohl es schon Vorgänger gab, die das Prinzip des Hängemodells für statische Studien (Poleni) oder für den Entwurf (Hübsch, Henschel), darunter auch für rotationssymmetrische Kuppeln, angewendet hatten, war Gaudí der Erste, der das Prinzip des Hängemodells dreidimensional anwendete.
Graefe, R.: Zur Formgebung von Bögen und Gewölben, in: archi-tectura – Zeitschrift für Geschichte der Baukunst, 1986, S. 50-67



So wie im Hängemodell das Oben zum Unten werden hier die Bergketten – der Stein, die Kalke und Dolomite der Ränder und die zentralen kristallinen Gesteine tieferen Ursprungs – zur Leere, auch ohne Täler. Es entsteht ein neues Relief aus vorgestelltem Dazwischen, nur die Spitzen sind sichtbar, markiert, außer der Leere darüber ist nichts sicher, die Masse ist Vermutung.

Nicht nur markiert dieses Modell die Gipfel im Nichts, es ist auch „fast nichts“: Eine marginale Auswahl, denn allein aus an die hundert Berggruppen bestehen die echten Alpen, die Gipfel sind unzählbar.
Es ist eine unkomplette, angedeutete Darstellung, und wendet sich an die Imagination, die Gipfel um Gipfel ergänzt, bis sich der Raum zu einem Massiv aus Aluminium, dem Material der Stimmgabeln, gewandelt hat. Brusttief zwischen Bergen stehen, wo nichts ist.



Welche Vorstellungen evozieren diese marginalen Anhaltspunkte? Das innere Bild einer Modelleisenbahnlandschaft – vielleicht sogar mit Kuhglockenklängen auf giftgrün kurz behaarten Almmatten? Sieht es so aus wie das klingt das Gustav Mahler behauptete „wegkomponiert“ zu haben, ist es grob aufgelöstes Google Earth Terrain, der obere Teil eines Polyeders. Weiß, ein Eisberg, psychedelisch bunt?
Welche Materialität hat das imaginierte Modell? Wenn steinern, dann aus welchem Gestein? Mit Flora und Baumgrenze? Liegt Schotter herum? Hängen Wolken in den Tälern?
Sind es abschüssige Halden oder sanfte Buckel, wie tief sind die Täler?
Sind zwischen den Hängepunkten, den markierten Gipfeln auch unerwähnte Bergspitzen, die vielleicht sogar höher sind?

Dem Verschwinden der Alpen durch Erosion und Denudation – ein Meter in 20.000 Jahren - steht ihr weiteres Wachstum, ihre weitere Auffaltung um 1-2 mm im Jahr entgegen. Würde die Installation auch die Veränderung nachbilden, so müsste sie nach und nach nach oben verschwinden und die Stimmgabeln müssten immer kürzer und kleiner geschliffen werden.

Die Bauart der verwendeten Stimmgabeln ist von Stimmgabeln abgeleitet, die zum Kalibrieren von Radargeräten verwendet wurden. Das Radar, der „Funktastsinn“, ein Ortungsverfahren auch um die Landschaft zu lesen, basiert auf von Objekten reflektierten Echos elektromagnetischer Wellen. Das Echo als reflektierter Schrei ist ein viel gesuchtes Phänomen im Gebirge.

Aluminium ist das häufigste Metall der Erdkruste, tritt aber wegen seiner Reaktionsfreudigkeit nur in chemisch gebundenem Zustand auf. Das matt-silbrige Klingen, Schwingen oder Schweigen ist so auch ein Modell, ein Auszug einer chemischen Realität.

Durch das Pendeln nach dem Anschlagen der Stimmgabel wird der Berg ungefähr, die Projektion locker. Eine schaukelnde Explosion des Gebirges spiegelt sich in den Schwebungen des Klangs. Die Alpen sind in Bewegung.
Das Hängemodell zieht nach unten, alles zum Erdmittelpunkt. Nach Abweichung durch das Schwingen pendelt sich alles wieder ein – scheinbare Parallelen, die sich schon nach 6.000 km schneiden: alle zugleich in einem Punkt.



Das Gipfelbuch, das Ziel der nach oben geschleppten Signatur. Der Triumph des Körpers über den Berg entlädt sich angesichts der erhabenen Aussicht in Zutraulichkeiten, Plattheiten und Beschränktheiten, in einem enthemmten literarisch-zeichnerischen Exhibitionismus und zwanghafter Repetition standardisierter Heiterkeiten – oder wird zu anonymer Systemkritik genutzt – wenn man die sächsische Schweiz als Exklave der Alpen betrachtet. Ob auch die Gipfelbücher der Alpen, als diese im Dritten Reich lagen, zu solcher Subversion genutzt wurden, war mir nicht eruierbar.

Und die Töne? Die Tektonik der Töne, gibt es eine Tektonik der Töne? Können sich die Töne falten, unter Druck verformen? Auskristallisieren? Verwittern? Ist sogar ein bewaldeter Klang denkbar, eine Erosion von taubem Gestein?

Ermöglicht das Metronom die vertikale Verbindlichkeit, so ist die Stimmgabel Disziplinierungswerkzeug an der Horizontale der Musik.
Heute nur mehr ein flaches Wogen, eine leichte Schräglage im Kammerton, so muss es im Barock eine geradezu aufgewühlte, kleinteilige bucklig-hügelige Landschaft der Stimmtöne gegeben haben - und auch große nationale Dissonanzen. 1711 von Händels Freund John Shore erfunden, war für den ersten Vorschlag – 1834 – für einen Normstimmton der Mittelwert der Stimmhöhen ausschlaggebend, den Heinrich Scheibler (1777-1837) aus seinen Fahrten durch Deutschland feststellen konnte. Und dieser war 440 Hz.
Im Gebirge nimmt die Temperatur nach obenhin ab, die kosmische Strahlung zu.

Landkarten: statisches Abbild dramatischer Bewegung, fast romantischer Gestik. Die Projektion der Landschaft wird zur Partitur der Welt, deren Toponyme – wie Vortragsbezeichnungen – Aufschluss geben über Aspekte des „Charakters“ des Bergs, des Tals.



Als Prägung trägt jede Stimmgabel den Namen des von ihr dargestellten Gipfels. Wir wissen also, wer da singt. Die Namen der Berge, die in diesem Hängemodell alle gleich aussehen, sind nur die Anfänge eines riesigen topologischen „Cantos“, des kollektiven sprachlichen Zugriffs auf die Bergwelt. Die Namen zielen auf teils phantastische Assoziationen zu Form, Farbe, Geschichte, Flora, Fauna, besänftigen und dramatisieren den Berg. Aus meiner näheren Umgebung nenne ich das Rotgeschirr, den Fleischbanksattel, den Brotfall, die Schlafende Griechin, den Zwillingskogel. Von der Buckligen Welt bei Wien bis zum schon erwähnten provenzalischen Windberg des Petrarca zieht sich ein dichter Schwarm von oft poetischen Bezeichnungen, der dem Alpenbogen durch mehrere Sprachen und deren Dialekte folgt.