Freitag
15. April 2011

Klangraum Krems Minoritenkirche

György Kurtág Játékok & Kafkafragmente

PODIUMSGESPRÄCH - UTOPIE MUSIK: WELTFLUCHT ODER TROST?
Pfarrer Udo Fischer (Paudorf) & Burghart Schmidt; Moderation: Hans-Georg Nicklaus

Seit ca. 200 Jahren erhält Kunst immer wieder religiöse Bedeutung. Insbesondere Musik wird mit Hoffnungen und Fantasien verknüpft, die sie in die Nähe heiliger oder religiöser Phänomene rückt. Es hat den Anschein, als hätte mit dem Verlust der kirchlichen Autorität die Musik zuweilen den Platz der religiösen Heiligtümer eingenommen, als sei ihre Pflege eine Art Gottesdienst. E.T.A Hoffmann schreibt: „Ihrem innersten eigentümlichsten Wesen nach ist daher die Musik religiöser Kultus“ und Hofmannsthal lässt im Libretto zu Richard Strauss’ Ariadne auf Naxos den Komponisten räsonieren: „Musik ist eine heilige Kunst, zu versammeln alle Arten von Mut wie Cherubim um einen strahlenden Thron! Und darum ist Musik die heilige unter den Künsten!“
Was aber, wenn wir der Musik hier zu viel aufbürden? Erscheinen Kunst und Kommerz eng verbunden, erscheint das „Heiligtum Kunst“ entweiht; wir vermissen die spirituelle Kraft, die heilige Aura. Die Hoffnung auf die tragende Kraft der Kunst steht am Beginn des 21. Jahrhunderts (ernüchtert über eine trotz Kunst und Kultur kriegerisch bleibende Welt)  mindestens ebenso in Frage, wie einst die Hoffnung auf die tragende Kraft von Religion und Kirche.

GYÖRGY KURTÁG
JÁTÉKOK
(1975-1998)
CHORAL - TRANSKRIPTIONEN VON J.S. BACH
Für Klavier 4-händig
Mathilde Hoursiangou, Clemens Zeilinger (Piano)

KAFKA-FRAGMENTE OP. 24 (1985)
für Sopran und Violine
Patricia Kopatchinskaja (Violine); Anna Maria Pammer (Sopran)

„Von einem gewissen Punkt an gibt es keine Rückkehr mehr. Dieser Punkt ist zu erreichen.“
Aus: Franz Kafka, „Betrachtungen über Sünde, Leid, Hoffnung und den wahren Weg“, zitiert in György Kurtágs „Kafka-Fragmenten“


György Kurtág führt Tagebuch nicht in Worten, sondern in Noten. Er schreibt Erinnerungen, Hommagen, Eindrücke und Ereignisse aus Klängen, Tönen, Akkorden und Rhythmen nieder. „Játékok“ lauten viele seiner Werkzyklen, das heißt im Ungarischen so viel wie „Spiele“ und meint Gedankenspiele, Assoziationsketten, Gefühlsströme. Möglichst viel an Ausdruck formuliert der ungarische Komponist dabei oft in möglichst wenig Tönen. Minuten- und Sekundenmusik, ohne äußerliche Effekte, dafür ausgefüllt mit Wesentlichem, auch wenn vieles durch Denksprünge wie aphoristisch und fragmentarisch wirkt.

„Die Musik von Kurtág ist tief in der europäischen Tradition verwurzelt“, sagte sein Landsmann und Komponistenkollege Peter Eötvös und hob gleichzeitig die Eigenständigkeit von Kurtágs musikalischer Sprache hervor, „dass, wer seine Werke zum Klingen bringen will, ,kurtágisch’ sprechen können muss. Das bedeutet aber auch ,bartókisch’, ,albanbergisch’, ,beethovenisch’...“ Und „bachisch“ möchte man hinzufügen, denn wohl niemand anderer als Kurtág und seine Frau Márta haben die am Klavier transkribierten Choräle des Thomaskantors so schlicht und ergreifend in unsere Gegenwart geholt. Jeder Choral weist immer eine hoffnungsfrohe Spur durch eine illusionslos gewordene Welt, in der die Kunst mehr und mehr zu einem Zufluchtsort wird und der Musik immer stärker die Funktion des Trostspenders zukommt.
Darüber werden der Theologe Adolf Holl und der Philosoph und Präsident der Ernst-Bloch-Gesellschaft, Burghart Schmidt sprechen und im Bloch´schen Begriff „Utopie Hoffnung“ an die Stelle der Hoffnung die Musik setzen. Zum denkwürdigen Abschluss des Abends tauchen die Geigerin Patricia Kopatchinskaja und die Sängerin Anna Maria Pammer in Kurtágs „Kafka-Fragmente“ ein, in ein Seelenpanoptikum aus einer verdämmernden Zeit und mit vielen Bezügen zur europäischen Musik von Schumann über Johann Strauß bis Pierre Boulez. Die beiden Interpretinnen haben die Fragmente Kurtág vorgespielt und können nun persönliche Kommentare und Ratschläge in ihre Interpretation einbringen.

€ 22.- / 20.-

© Promotionfotos

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Kurtag Jatekok - Preludio Y Vals En Do Mayor