Freitag
05. März 2010

Klangraum Krems Minoritenkirche

Schwere der Nacht tyn salmagy

KORKYT (Traditional)
Raushan Orazbaeva, Tokzhan Karatai (Kyl-Kobyz)


JAMILIA JAZYLBEKOVA: AIKYON (2005)
für Violoncello und Zuspiel-CD
Michael Moser (Cello)

JAMILIA JAZYLBEKOVA: SCHWERE DER NACHT - tyn salmagy (Uraufführung)
Michael Moser (Cello); Bernhard Zachhuber (Klarinette); Krassimir Sterev (Akkordeon); Berndt Thurner (Schlagzeug); Raushan Orazbaeva, Tokzhan Karatai (Kyl-Kobyz); Sylvie Lacroix (Flöte); Jamilia Jazylbekova (Gesang); Simeon Pironkoff (Dirigent)

Musik, während Nächten und Tagen in Krems entstanden, eröffnet die Lichtsuche 2010 bei „Imago Dei“. Musik, komponiert zwischen Mond und Sonne, zwischen Donaustrom und Weinbergen, in der Schwere der Nacht, in der Grellheit des Tages. Musik von der kasachischen Komponistin Jamilia Jazylbekova, vor drei Jahren Artist in Residence in Krems, nun mit ihren dem Leben entrissenen und im Leben verwurzelten Kompositionen wieder gegenwärtig hier. Keine Musik, die ein künstlerisches Ideal anzustreben versucht, keine perfekte Kunst, sondern mitten aus dem Dasein gewonnen, zu ihm gehörig und voll von seinen Geräuschen. Dem Rauschen des Lebens und des Wassers, dem Atem der Menschen und des Windes, den Klängen zwischen Mittag und Mitternacht.

Ein Zyklus einerseits, wie die Muster auf den geknüpften Teppichen in Jazylbekovas Heimatland, andererseits ebenso unerwartet im Verlauf und leicht asymmetrisch wie auch jene Muster. Dazwischen immer wieder ein schöner, reiner Klang, der sich über alle Unregelmäßigkeiten ergießt: „Aikyon“, Musik aus Mond („ai“ in der kasachischen Sprache) und Sonne („kyn“), für Cello und Tonband. Die Musik des Cellisten und die zugespielte Musik stellen Gegensätze dar, aber beide ergänzen sich darin zur Symbiose. „Aikyon“ ist auch ein Wort der Liebe: „Du bist für mich alles, Sonne und Mond, das Universum.“ Dann Musik in Erinnerung an den kasachischen Schamanen und Philosophen Korkyt, gespielt von Raushan Orazbaeva und ihrer Tochter Tokzhan Karatai auf Korkyts uraltem kasachischen Streichinstrument Kobyz, das bespannt ist mit Saiten von Pferdehaar und dessen Klang böse Geister, Krankheit und Tod bannen kann. In der „Schwere der Nacht“ („tyn salmagy“), einem Auftragswerk von „Imago Dei“, vollzieht sich der Übergang vom Träumen ins Wachsein, oder – wie es Jazylbekova ausdrückt – von einem Traum in einen anderen. Das Leben ist voller Übergänge, für jeden von ihnen gibt es in der kasachischen Kultur den bestimmten Zeitraum von 40 Tagen: die Zeit nach der Geburt, nach der Heirat, die Zeit der Trauer um einen Verstorbenen. 40 Tage: Das ist auch die Zeit von der Auferstehung bis zur Erscheinung des Heiligen Geistes.

„tyn salmagy“
am Übergang von Ost nach West,
als ob in der klaren Nacht der Mond wanderte
als ob die Schwere der Nacht die Erde erdrücken würde
als ob sich im herbstlichen Wind das Unglück des Winters erahnen ließe

als ob das Rauschen der Gräser etwas flüsterte

(Jamilia Jazylbekova).

© Imago Dei

© Imago Dei