Freitag
10. April 2009

Klangraum Krems Minoritenkirche

Kairos Quartett: "In jener Nacht" Giacinto Scelsi, Georg Friedrich Haas

Giacinto Maria Scelsi : Streichquartett Nr. 3 (1963) 
Georg Friedrich Haas: In iij. Noct. Streichquartett Nr. 3 (2001)

Kairos Quartett:
Wolfgang Bender (Violine); Stefan Häussler (Violine);  Simone Heilgendorff (Viola);  Claudius von Wrochem (Violoncello)


„Und von der sechsten Stunde an kam eine Finsternis über das ganze Land ...“
Neues Testament, Matthäus 27, 45

Finsternis. Die Kirche ist mit schwarzen Tüchern ausgehängt. Alle Tore sind geschlossen. Von der Kanzel spricht der Priester die letzten Worte Christi. Stille. Dann wieder die Worte des Erlösers. Aber nicht mehr mit Worten, sondern in Tönen. Von vier Instrumenten und 16 Saiten. Ein Karfreitagsritual mit Streichquartett. Seit mehr als 200 Jahren mit der Musik Haydns über die Sieben letzten Worte des Erlösers, als Auftrag für die Kirche San Cuevo in Cadiz komponiert.
Finsternis. Die Kirche ist total abgedunkelt. Alle Türen sind geschlossen. In den vier Ecken des Raums sind die vier Musiker des Ensembles Kairos postiert. Ein Karfreitagsritual  mit Streichquartett. 2009 in der Minoritenkirche Krems. „In iij. Noct.“ – das Responsorium des Renaissancefürsten Gesualdo di Venosa, der kompositorisch Buße tat, wird kurz in der Finsternis aufleuchten, eingeflochten in die optische Nacht und das akustische Licht des 3. Streichquartetts des österreichischen Komponisten Georg Friedrich Haas. Die vier Musiker verständigen sich mit wechselseitigen Einladungen zu bestimmten Spielsituationen der Komposition. Musiker und Zuhörer werden vereint in der Ausschließlichkeit von auditiven Signalen. Eine akustische Reinigung im optischen Nichts. Akkorde aus Obertönen, Gewebe aus Mikrotönen, kombiniert mit Farben in feinsten dynamischen Abstufungen. Finstere, beängstigende, bedrohliche Hörsituationen im Übergang zu lebendigen, energetischen, hellen Musikwahrnehmungen.
„The Spirit calls, the Soul awakens, Liberation, Catharsis“ – was sich wie Aufforderungen zu innerer Selbstfindung liest, sind Satzangaben für Musiker. So deutlich mit Worten wie in seinem 3. Streichquartett wurde der italienische Komponist Giacinto Scelsi ansonsten allein durch seine musikalischen Kernforschungen, Das selbsternannte „Medium“ der Musik erfasste in einem einzigen Ton, in seinem Erklingen und Verklingen die Akkorde all der dazu gehörenden Ober- und Mikrotöne. EIN Klang – und das Universum in ihm enthalten. Karfreitag in Krems. Klanglicht im Kirchendunkel. Das Kairos Quartett mit der Harmonik, Melodik und Rhythmik von Scelsis drittem Quartett auf der Suche nach der dritten Dimension. 
„Der Klang ist rund wie eine Kugel, aber wenn man ihn hört, scheint er nur zwei Dimensionen zu haben: Lage und Dauer – von der dritten, der Tiefe, wissen wir, dass sie existiert, aber sie entzieht sich uns ...“
Giacinto Scelsi
 


© Dorothee-Brodows

© Dorothee-Brodows

Scelsi: Streichquartett Nr. 3