Sonntag
01. April 2007

Klangraum Krems Minoritenkirche

Revolution N° 9



Intro
Slow Club
Hansi Lang - Vocals
Thomas Rabitsch - Keyboards
Wolfgang Schlögl - Electronics


Danton's Tod“ Interpolationen zum Quintett für Klarinette und Streichquartett in A-Dur, KV 581 (1789)
Text: Georg Büchner / Bodo Hell; Musik: W. A. Mozart / Renald Deppe
Bodo Hell - Rezitation; Koehne-Quartett, Renald Deppe: Klarinette

Pour une morale de l’ambiguїté “ (Für eine Moral des zwiespalts)
Otto Lechner Akkordeon
Anne Bennent Stimme

Oktober “ - 10 Tage, die die Welt veränderten
Musik: Wolfgang Mitterer, Filmcollagen: Doron Goldfarb

talkin' bout revolution
Velvet Elevator
Musik von Tracy Chapman, Henry Mancini u.a.

Moderation: Gerhard Ruiss



Re|vo|lu|ti|on, die; -, -en
[frz. révolution, eigentl. = Umdrehung, Umwälzung < spätlat. revolutio = das Zurückwälzen, -drehen]:
1. a) (gewaltsamer) Umsturz der bestehenden politischen und sozialen Ordnung.
b) Aufhebung, Umwälzung der bisher als gültig anerkannten Gesetze oder der bisher geübten Praxis
durch neue Erkenntnisse und Methoden. Der erste als „Revolution“ bezeichnete Umsturz war 1688
die Glorious Revolution in England.
2. Umlauf eines Himmelskörpers um ein Hauptgestirn (Astronomie)
3. a) gleichnamiger Popsong der aus Liverpool/England stammenden Musikgruppe THE BEATLES
b) Revolution Nr. 9; Toncollage veröffentlicht auf dem legendären Doppelalbum THE BEATLES (1968)


Auf unvorstellbare Dimensionen verweist schon die ursprüngliche Bedeutung im archaischen Kontext des Universums: Revolutionen über mehrere tausend Jahre sind dort keine Seltenheit, und selbst im vergleichsweise überschaubaren Rahmen unseres Sonnensystems erreicht die Umlaufzeit um die Sonne von Sedna, einem erst 2003 entdeckten Asteroiden, mit seinen 10 500 Jahren eine menschliche Einsichten übersteigende Größe. Erst in der Neuzeit mutierte Revolution (Umwälzung, von lat. revolvere - zurückwälzen), der alte astronomische Begriff für die Umlaufbewegung eines Planeten um einen Fixstern, zur Bezeichnung für einen meist gewalttätigen sozialen Wandel von bestehenden politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen. Und er findet sich heute noch als inoffizielle Variante beim Skatspiel, wenn bei „Null ouvert Hand“ die gegnerischen Spieler die Karten austauschen; eine radikale Spielart, die erst angesagt wird, wenn das Spiel ohnehin nicht mehr verloren werden kann – ein Umsturz, ein Putsch im gesellschaftlichen Wasserglas.

Die alle menschliche Vorstellungskraft übersteigende astronomische Begrifflichkeit und eine im menschlichen Spieltrieb zutage tretende kompromisslose Radikalität stehen als abgründige Metaphern den politischen und sozialen Revolutionen unserer Menschheitsgeschichte um nichts nach. Von der Glorious Revolution, die in England 1688 den Begriff der Revolution erstmals für sich in Anspruch nahm, über die visionäre, zuletzt im blutigen Schlachten scheiternde Französische Revolution bis hin zur gesellschaftlich weitblickenden 68er-Bewegung und zur friedlichen Revolution in Deutschland 1989/90. Die Vielzahl revolutionärer Umwälzungen eint eine polarisierende Perspektive, in der sich Visionäre und Menschen der „Lost Generation“ tummeln und denen Georg Büchner noch immer quälende Wahrheiten nachschleudert. „Die Revolution“, lässt er in seinem fatalistischen Revolutionsdrama Dantons Tod geschichtsphilosophisch verkünden, „zerstückelt die Menschheit, um sie zu verjüngen“.

Mit einem Revival des Beatles-Klassikers Revolution N° 9 durch Hansi Lang, Wolfgang Schlögl und Thomas Rabitsch tauchen die Short-Cuts in abgründige und hoffnungsträchtige Spots zum Thema Revolution ein, setzen Renald Deppe und Bodo Hell ihre querschlägig hintergründigen Interpolationen zu Mozart und Büchner. Sergej Eisensteins Filmklassiker zur russischen Oktoberrevolution gerät bei Wolfgang Mitterer an musikalisch aufmüpfige und intellektuell subkutane Widerstände. Anne Bennent und Otto Lechner begeben sich auf die revolutionären Pfade der 60er-Jahre, in denen Wilhelm Reichs Sexualität im Kulturkampf als sexuelle Revolution eine Neuauflage erlebte und Simone de Beauvoir mit ihrem Klassiker Das andere Geschlecht dem Feminismus eine prägende Gestalt verlieh. „Doppelmoral und Unterdrückung der vitalen Triebe“, wusste Reich schon anno 1930, „führen zur Persönlichkeitsdeformation und so zu Aggression und Frustration, die verdrängt wird und sich oft in Lust an Herrschaft und Hierarchie ein Ventil verschaffen muss …“ Die nächste Runde ging – freilich erst knapp vier Jahrzehnte später – an die 68er-Revolte, das Match ist allerdings noch im Gange. Immerhin wesentlich relaxter, wie abschließend Velvet Elevator vorführt. Ausgehend von der legendären Elefanten-Szene in Blake Edwards Filmsatire Der Partyschreck, einer Persiflage auf die durch den Vietnamkrieg losgetretene Friedensrevolution, bringt das 16-köpfige Lounge-Orchester Henry Mancinis Musik zum Film und andere Songs dieser Zeit bis hin zu Tracy Chapmans Talkin´ bout revolution.

© Fotos Revolution

© Fotos Revolution