Sonntag
09. April 2006

Klangraum Krems Minoritenkirche

Katajjaq & Txalaparta

(Die Gesänge der Inuit-Frauen von Nunavut)  

In Abänderung des ursprünglich geplanten Programms.
Wir freuen uns den BesucherInnen von Imago Dei nach der unerwarteten, kurzfristigen Absage von Tanya Tagaq Gilles ein besonders attraktives Ersatzprogramm bieten zu können.

Sylvia Cloutier und Akinisie Sivuarapik (Katajjaq)
Ttukunak: Maika und Sara Gómez (Txalaparta)

In Zeiten, in denen noch Dämonen und Geister die Natur bewohnten und die Menschen die widrigen Bedingungen ihrer Umwelt mit – oft von Frauen getragenen - Ritualen zu bannen versuchten, entstanden musikalische Ausdrucksformen, die in Jahrhunderte langen Traditionen bis heute erhalten blieben.

Im kältesten Teil der Erde, dort, wo sich ein Gemeinschaftsgefühl entwickeln muss, damit das Individuum überleben kann, entwickelten die Inuit eine Gesangstechnik, ein Spiel mit Tönen und Rhythmen als Wettbewerb im Kehlkopfgesang, in dem sie ihre überlebensnotwendigen Beobachtungen der Vorgänge in der Natur als Hörbilder weitergeben konnten und ihre Alltagserfahrungen verarbeiteten.

Am anderen Ende der Welt, im Baskenland, machten die weiten Entfernungen es notwendig, dass die Menschen eine Möglichkeit fanden, Kontakt miteinander aufzunehmen. Ihr Instrument wurde die Txalaparta; das Aneinanderschlagen zweier Hölzer durchdrang Täler und Schluchten und wurde zum Kommunikationsmittel, der Inhalt der Botschaften in Rhythmen chiffriert.

Wo wir sagen würden "Lasst uns sehen, was wir hören können", würden die Inuit sagen "Lasst uns hören, was wir sehen können" - die Basken hingegen würden sagen: „Lasst uns hören, was wir sehen werden.

Diese unterschiedlichen Wahrnehmungen der Welt prallen nun erstmals aufeinander. Txalapartaris und Katajjait beleben archaische Hörbilder wieder. Ob diese gegensätzlichen Traditionen zueinander finden, wird erst der Abend mit Katajjak und Txalaparta zeigen.


TTUKUNAK

Txalaparta wurde zur Zeit des Römischen Reiches in den dünnbesiedelten Gebirgsgegenden des Baskenlandes als Kommunikationsmittel über weite Distanzen verwendet -  ein direktes Erbe der Hirten, die in vergangenen Jahrhunderten die Holzplanken der Txalaparta zur Nachrichtenvermittlung zwischen verschiedenen Gutshöfen oder während des Hütens ihrer Herden in den Bergen benutzten.
Rhythmen wurden auf Baumstämme oder Steine geschlagen, um so ihre Nachricht vom Belagerungszustand zu übermitteln. Später kündigten sie Festlichkeiten an, teilten Todesfälle mit oder riefen zur Verkostung des Sidra (Most), der vorher mit Hilfe dieser Bretter erzeugt wurde. Im Lauf der Zeit verfeinerte sich Rhythmus und Schlagtechnik, aus Lärm wurde Musik.
Txalaparta sind Bretter aus Kirsch-, Kastanien- oder Erlenholz, 2 Meter lang, 20cm breit und 2 bis 7 cm dick, an den Enden gestützt von groben Holzständern oder mit Körnern gefüllten Körben. Zwei Spieler, die Txalapartaris (oder Jotzaileak) stehen sich gegenüber, in jeder Hand einen ca. 50cm langen und 4cm dicken Holzstab (Makilak), den sie nach verschiedensten rhythmischen Mustern auf die Bretter stampfen.
Ttukunak, die Zwillingsschwestern Maika und Sara Gómez, gehören zu den besten Txalapartaris. Sie versuchen die alten baskischen Wurzeln wiederzubeleben und bereichern den ursprünglichen Rhythmus mit innovativen Variationen und Improvisationen.


Katajjait - Kehlkopfgesänge der Inuit

Sedna ist nach der Venus der zweite Planet unseres Sonnensystems, der den Namen einer Göttin trägt. Erst 2003 entdeckt, ist dieser vermutlich 10. Planet nach der Inuit-Göttin des Meeres benannt, mit deren Mythos die Herkunft des Katajjaq in Verbindung gebracht wird: Einige Inuit meinen, Katajjaq sei die Sprache der Tunnituarruit, jener Wesen halb Mensch, halb Vogel aus Zeiten, in denen Menschen und Tiere dieselbe Sprache verstanden. Damals wurde Sedna, die eitle Tochter eines Jägers, von ihrem Vater mit einem rabenähnlichen Tunnituarruit verheiratet. Auf der Flucht versank sie im Meer, und aus ihren gefrorenen Gliedmaßen wurden Seehunde und Wale.

Animismus (ein religiöser Glaube indigener Völker, der davon ausgeht, natürliche Körper oder Gegenstände seien von Geistern oder Tierseelen bewohnt) und Schamanismus prägten lange das Leben der Inuit in Kanada. Zu ihrer Tradition gehört auch der Katajjaq, eine spezifische Art des Kehlkopfgesanges. Dabei stehen zwei Frauen einander eng gegenüber und erzeugen mit dem Kehlkopf oder auch durch stimmloses Ein- und Ausatmen unterschiedlichste Lautkombinationen. Rhythmus, Tempo und Klangfarbe bilden traditionelle Motive, die in oft unerwarteten Variationen zu stereophonen Effekten verschmelzen – derart entstehen Hörbilder, die die Umgebung der Inuit nachzeichnen. Katajjaq ist ein Spiel, fast schon ein Sport ohne vorhersehbares Ende; den Wettkampf gewinnt die Sängerin, die den längeren Atem hat, es verliert, wer mit dem Tempo nicht mehr mithalten kann oder einfach lachen muss.

Kehlkopfgesänge waren typisch für die Inuitgruppen in der zentralen Arktis (Netsilik, Igloolik, Karibueskimo) und in der östlichen Arktis (südliches Baffinland, Labrador, nördliches Quebec). Ausserhalb des Inuitgebietes findet man bei einigen Völkern Sibiriens (Tuva, Mongolen, Kasachen, Yukagiren) sowie bei den tibetanischen Mönchen und den Ainu, der Urbevölkerung Japans, eine ähnliche Virtuosität des Kehlkopfes.

Sylvia Cloutier und Akinisie Sivuarapik treten seit Jahren international als Kehlkopfsängerinnen auf.  Die beiden Inuitfrauen stammen aus Iqualuit, der Hauptstadt des Nunavut Territory, die 1920 als Handelsposten der Hudson's Bay Company gegründet wurde. Hier hat sich eine besondere musikalische Ausdrucksform erhalten: der Katajjaq. Während die Katajjait einst von Missionaren verboten wurden, werden sie heute auch in der Schule gelehrt. Sie sind der hörbare Beweis einer wieder gefundenen kulturellen Identität und zeugen von der Pflege des kulturellen Erbes der Inuit.

© NÖ Festival-GmbH

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