Sonntag
20. März 2005

Klangraum Krems Minoritenkirche

"HASE, LAMM & EI" JONKE, FINK & PALM - Moderation: STERMANN & GRISSEMANN



Gert JONKE: „eine bittere Erlösungslitanei“
Eine phonopoetische Melange aus  Christentum und Buddhismus.
Musikdramatische Litaneiassistenz:
Wachauer Pestbläser
Gert Rastorfer –  Trompete, Flügelhorn
Michael Bruckner – Gitarre
Bernhard Breuer – Schlagzeug
Renald Deppe – Saxophone, Klarinette
Tone FINK: „Das Lachen der Lämmer“
Mit Ksenia Varga, Katharina Fink, Elisabeth Wedenig, Ona B, Tone Fink
mit lammfrommen tönen
saxophon: renald deppe
Kurt PALM: „Ei, wie schön!“ Ei-ne Hommage an das Ei
Mit Kurt PALM, Tex RUBINOWITZ, FRANZOBEL und Bertl MÜTTER
Moderation: Christoph Grissemann und  Dirk Stermann

Ostern: Kein anderes Fest im Christentum ist so stark mit ganz und gar unchristlicher Symbolik befrachtet. Über einen Nester bauenden Hasen mit Lesebrille ist in den Heiligen Schriften jedenfalls keine Zeile zu finden, ebenso wenig über bunt bemalte Hühner- oder Schokoladeneier. Einzig das Bild des Lamms fand auch in der christlichen Symbolik seine Verwendung, geht aber doch auf weit ältere Opferriten, etwa im Rahmen des jüdischen Pessah-Festes zurück.
Trotz alledem, nicht nur hierzulande gilt: Kein Ostern ohne Hase, Lamm & Ei. Grund genug für das Festival „imago dei“, einen Schriftsteller, einen Bildhauer und einen Regisseur zu bitten, sich in einer Oster-Performance den drei heidnischen Symbolen zu widmen.
Gert Jonke, Tone Fink und Kurt Palm verraten im Gespräch vorab, was ihnen dazu bislang alles eingefallen ist.


Der HASE: Gert Jonke

„Als Kind war mir der Osterhase immer recht. Aber jetzt ist er mir ehrlich gesagt ein völliges Rätsel. Bei ,Hase, Lamm & Ei’ werde ich also so etwas wie einen Worthasen geben, der über ein Wortfeld springt. Dazu habe ich mir eine ,Bittere Erlösungslitanei’ geschrieben, eine ,phonopoetische Melange aus Christentum und Buddhismus’. Das ist ein langer Text geworden, mit einem noch offenen Ende, in dem es darum geht, dass Gott nicht nur den Menschen hat erlösen müssen, sondern streng genommen alles auf dieser Welt, wirklich alles bis ins kleinste Atom. Der Anfang geht so:
,O Herr, du musst als Zuckerdose auf die Welt kommen,
denn jedes einzelne Quark und Neutron hat das Recht, erlöst zu werden.
Auch die Petersilie wird erlöst, und auch die Brennessel,
und der Kleiderschrank wird eines Tages in den Himmel kommen …’

Und so geht es weiter, bis hin zu den kleinsten Teilchen. Damit endlich der ganze Kosmos erlöst wird. Ich, als Worthase, werde die Litanei vorlesen, Renald Deppe wird dazu saxofonieren, und seine Wachauer Pestbläser werden ihn dabei begleiten. Das wird sozusagen eine heidnische Prozessionsmusik, obwohl Renald auch alte Ostermusiken der italienischen Renaissance verwenden wird. Und am Ende sind alle erlöst. Letztlich wird auch der Worthase erlöst werden – wie alle anderen Tierchen.


Das LAMM: Tone Fink

„Von allen Ostersymbolen hat das Lamm noch am meisten mit dem Christentum zu tun, obwohl es, als Symbol, ja eigentlich weit älter ist als das Christentum. Aber ich möchte bei ,Hase, Lamm & Ei’ eigentlich gar nicht zu sakral werden, etwa im Sinne eines ,Lamm Gottes’. Oder gar blutig-sakral wie der Hermann Nitsch, nach dem Motto: ,Das Lamm ist geschlachtet, das Opfer ist vollbracht!’ Nein, im Gegenteil: Wir werden kein Lamm opfern, sondern eines gebären! Ich bin ja ein alter Haut- und Körperkünstler, also hab ich in den letzten Wochen ein Drahtgerüst gebaut, das ich in der Performance dann einfleischen und einhäuten werde. Und zwar mit einem so genannten Locta-Papier, einem handgeschöpften Papier aus dem Himalaya, das besonders stabil ist.

Mit dabei auf der Bühne sind vier Performerinnen, eine davon ist übrigens meine Tochter Katharina, die in Wien an der Akademie für Bildende Kunst studiert. Mit ihr gemeinsam habe ich auch die Masken für die vier Performerinnen gebaut. Das sind natürlich Schafskopfmasken, genau genommen drei Schafe und ein Bock – also ein Gehörnter …

Sobald das Lamm fertig eingehäutet ist, muss es natürlich gestillt werden. Ich weiß aber noch nicht, ob die Performerinnen ihm die Brust geben werden, oder ob wir doch einfach nur ein Flascherl nehmen. Anschließend wird das Lamm jedenfalls in ein Nest aus Lammwolle gebettet. Angeblich ist ja die Wolle von ganz jung gestorbenen Lämmern die beste, aber so genau nehmen wir’s für die Performance dann doch nicht. Dazu werde ich zwei Fabeln vorlesen, nämlich ,Das Lamm und der Wolf’ und ,Der Hund und das Lamm’. Das sind alte Gleichnisse, die davon erzählen, dass sich selbst beim Bösesten noch ein Gewissen regt, wenn er eine Rechtfertigung sucht um selbiges zu beruhigen. Außerdem bin ich schon am Dichten für ein paar kleine Wortassoziationen zum Thema Lamm: ,Lamm, laperln, lammen, amen. Lamb, lämmer, lümmeln, gelämmert, dämmernd, wolfen, me me me, blök-end.’ – Kann schon passieren, dass ich das auch noch vortragen werde.

Ja, und ganz zum Abschluss würde ich sehr gern noch ein paar Lämmer backen, aus Pizzateig. Es gibt gleich bei mir ims Eck am Gürtel in Wien einen hervorragenden Pizzabäcker. Aus seinem Teig könnten wir Lämmer formen, backen und ans Publikum verteilen. Statt opfern also schenken. Das hätte dann am End’ ja doch noch was Sakrales.“


Das EI: Kurt Palm

„Also, das Ei ist wirklich ein sauschweres Thema. Über den Kreis zum Beispiel, oder über die Kugel, da gibt’s jede Menge. Die haben kulturgeschichtlich eine weit größere Rolle gespielt als das Ei, was eigentlich erstaunlich ist, wenn man an die Fruchtbarkeitssymbolik des Eis denkt. Aber ich glaube, das hängt damit zusammen, dass eine Kugel berechenbar ist und damit auch einordenbar. Der Mensch hat ja das Bedürfnis, alles einordnen zu können, also beschäftigt er sich auch viel lieber mit berechenbaren Dingen. Zum Beispiel gibt es meines Wissens keine Formel für die Berechnung der Ei-Oberfläche. Wahrscheinlich ist deswegen der American Football, der ja mit einem Ei gespielt wird, auch viel schwieriger als unser Fußball.

Auch in der Literatur hab ich bislang noch nicht viel zum Thema Ei gefunden. Ich bin ja ein Fan von James Joyce, vielleicht schau ich mir für ,Hase, Lamm & Ei’ nochmal genau an, welche Rolle das Ei in ,Finnegans Wake“ spielt. Schau’n wir mal, ob ich das unterbring. Aber im Volksglauben und in der Mythologie findet sich wahrscheinlich sogar mehr zum Ei als in der Literatur. Zum Beispiel bin ich draufgekommen, dass man im Mittelalter auch faule Eier als Beweismittel gegen vermeintliche Hexen verwendet hat. Angeblich hat’s da so eine Art Eierzauber gegeben. Da wär das Ei also ein Element des Bösen. Überhaupt muss es ja auffällig oft für abfällige Zwecke herhalten. Wenn man etwa sagt: ,Du Weichei’ oder ,Du Eierkopf’. Ganz lustig find ich auch, dass die Mozartkugeln auf Englisch ,Mozart-Balls’ heißen. Und wenn man das zurückübersetzt, dann hat man auch wieder Eier …

Jedenfalls bin ich grade dabei, ein paar eigene Texte für ,Hase, Lamm & Ei’ zu schreiben, und da soll in jedem einzelnen Wort natürlich das Ei vorkommen. Zum Beispiel so:

,Heiligkeit:
Eingreifen? Nein! Ausgreifen!
Heiße Leiber reiben kleine Eier
Schweiß
Heiliger Geist schweigt
Scheinheilig, meint Deix’

Oder so:

,Metzgerei:
Ein Schwein schreit
Weit hinein gleitet ein Beil
Zerteilt Fleisch
Bein’

Die Texte werd ich also vorlesen, und auch der Tex Rubinowitz und der Franzobel, die ich eingeladen hab, mitzumachen, werden was schreiben und vortragen. Und dann ist auch noch der Bertl Mütter dabei mit seiner Posaune und seinem Euphonium, das an diesem Abend selbstverständlich zum Eiphonium mutiert. Er wird uns drei bei einem Eiertanz begleiten. Das schaut so aus, dass wir ungefähr fünfzig Zentimeter große Eierschuhe tragen werden – also praktisch der Länge nach, vom Kopf zum Popsch halbierte Eier – und versuchen, mit denen zu laufen. Da wird’s nicht allzuviel zum Choreografieren geben. Die Choreografie besteht vor allem in dem Bemühen, nicht umzufallen.

Vielleicht stellen wir auch ein paar Zeichnungen vom Tex zum Thema Ei aus. Dann werd ich wahrscheinlich ein Video von Michaela Mandel zeigen, das heißt ;Eiapopeia’ und behandelt die Frage, wie man mit einem Ei im Alltag umgehen kann, auf einer metaphorischen Ebene. Das hab ich unlängst entdeckt, und mir hat’s sehr gut gefallen. Und ganz zum Schluss würd ich im Publikum noch gern eine Überraschung zum Thema Ei verteilen. Sozusagen ein Überraschungs-Ei.“

© Grissemann & Stermann

© Grissemann & Stermann