Donnerstag
24. März 2005

Klangraum Krems Minoritenkirche

IN CROCE - Nahes aus dem fernen Russland



CAPELLA CON DUREZZA
Sofia Gubaidulina  De profundis
*1931 Für Bajan solo
(1974) 

Interpolation I  NON SERVIAM  
Tabulatur für Anna Achmatova
(1889 - 1966)

Sofia Gubaidulina III) Rejoice, rabbi 
IV) And he returned to his own abode.
Aus der Sonate für Violine und Violoncello
(1981) 

Interpolation II DUM SPIRO, SPERO : 
Palimpsest für Marina Zwetajewa
(1892 - 1941) 

Sofia Gubaidulina Silenzio 
Fünf Stücke für  Violine, Violoncello und Bajan
(1991) 

Interpolation III TERTIUM NON DATUR
  Inkunabel für Nadeschda Mandelstam
(1899 - 1980)
   
Sofia Gubaidulina In croce 
Für Violoncello und Bajan
(1979)


Capella con Durezza :       

Johanna van der Deken Mezzosopran 
Margarethe Deppe Violoncello
Anna Knopp Violine
Andrej Serkov Bajan
Franz Danksagmüller  Orgelpositiv, Electronics
Michael Bruckner   Guitarre
Renald Deppe  Saxophon, Klarinette, Interpolationen  
(graphische Notationsarbeiten, Tusche auf Braunholzpappe)


Sofia Asgatowna Gubaidulina, geboren 1931 in Tschistopol (damals in der Autonomen Tatarischen Sowjetrepublik), wurde während ihrer Kindheit durch ihren Großvater, einen islamischen Geistlichen, stark religiös geprägt. Nach dem Studium (Klavier/Komposition) am Kasaner Konservatorium lebte sie ab 1954 als freischaffende Komponistin in Moskau.
Dort geriet sie mit der offiziellen Kulturadministration schon bald in Konflikt . Ihre Werke distanzierten sich allzu deutlich von den Maximen des "Sozialistischen Realismus". Doch kein Geringerer als Dmitrij Schostakowitsch bestärkte (als Vorsitzender einer Prüfungskomission) die Denk- und Arbeitsweise der jungen Künstlerin. "Komponieren Sie weiter auf Ihrem falschen Weg" lautete der vieldeutige Rat des großen russischen Tonsetzers, ein wichtiger Mentor der sowjetischen Moderne.

"Die Religion ist das Wichtigste im Leben des Menschen überhaupt. In unserem Jahrhundert besteht die Gefahr, daß wir die Religion verlieren..." Seit den siebziger Jahren wird der religiöse Kontext ihrer Arbeiten immer deutlicher. Sowohl der Werktitel als auch die kompositorische Gestaltung  musikalischer Texturen dokumentieren eine individuelle Suche nach spirituellen Bezügen, reflektieren sorgsam ihr Verhältnis zur christlichen Tradition. Letzteres betrifft besonders die Werkauswahl unseres Konzertes in der vorösterlichen Karwoche.
Sofia Gubaidulinas Wanderung durch das "Labyrinth der Seele" ermöglicht eine differenzierte Klangdramaturgie, welche einen zeitlosen Kontrapunkt zu der oft schnelllebigen Befindlichkeit unserer Gegenwart bildet.

Dies gilt auch für die Sprachschöpfungen der russischen Dichterinnen, denen die Interpolationen  gewidmet sind.Die vertonten (und ausgestellten) Textfragmente von Anna Achmatova, Marina Zwetajeva und Nadeschda Mandelstam spiegeln Glanz und Elend, Hoffnung und Trauer einer Epoche,eines Volkes, einer Generation.
"Das Jahrhundert der Wölfe" und "Generation ohne Tränen" benannte die Mandelstam ab 1970 ihre bedeutenden Memoiren. 
Zwei Weltkriege bescherten den russischen Dichterinnen (und vielen anderen) letztendlich eine Welt ohne Erbarmen.
Und doch : immer wieder wird  die Hoffnung auf bessere Zeiten beschworen, stärken Bilder und Metaphern des Trostes den Glauben an eine Wiederkehr humanitärer Werte.
Das in der Karwoche thematisierte Leiden erfährt seine Auflösung durch das Osterfest: eine Zeit des Neubeginns, des Lichtes und der Vergebung.
In diesem Sinne haben Mandelstam, Achmatova und Zwetajewa trotz aller Verfolgungen und Bedrängnisse niemals den Segen eines beglückenden Ostertraumes  vergessen.
Und haben es nicht unterlassen, auch ihre Mit- und Nachwelt immer wieder daran zu erinnern.
Daran sollten wir denken, dafür sollten wir danken.

 

© The Japan Art Association

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