Samstag
03. April 2004

Klangraum Krems Minoritenkirche

LE SACRE DU PRINTEMPS 19:00



Bilder aus der heidnischen Wachau

... von heidnischen frühlingsopfern und anderen kunstkultorgien...

Moderation: Fritz Ostermayer

Vor allem im Alten Orient ist der Frühling eine Art Jahresgedächtnis des Weltbeginns, welchen er nachbildet. Nach dem Sieg der Sonne taucht die Erde-, Licht- und Leben- gebärend aus der Wasserflut des Winters auf. Ein neuer Zeitverlauf beginnt. Rituell wird der Übergang vom Chaos zum Kosmos nachvollzogen. Der Schöpfungsmythos wird rezitiert und die Darbringung von Opfern, meist Erstlinge der Herde und der Ernte, dominieren die vorchristlichen Festrituale.

Igor Stravinskij (1882-1971) schuf in den Jahren 1910-1913 eine legendäre Balletmusik, welche die moderne Musiksprache entscheidend mitprägte. SACRE DU PRINTEMPS (mit dem Untertitel "Bilder aus dem heidnischen Rußland") schildert eine kultische Handlung mit Opferritual in einer zu damaligen Zeiten "unerhört" barbarischen Kompositionstechnik. Ungewohnte Klangrhythmen von großer Intensität, der bewusste Verzicht auf melodische Substanz und die dominannte Rolle des Schlagwerks als selbstständige Klangruppe innerhalb des Orchesters erschütterte das Hörverhalten jener Zeit. Der Skandal war unausbleiblich.

Skandale, hervorgerufen durch empörte Kenntnisnahme von ästhetischen Inhalten, sind in unserer Gegenwart selten geworden. Anderes beunruhigt die spezifischen Interessen unterschiedlicher Kultur- und Sozialkreise. Ausgehend von der formalen als auch inhaltlichen Gliederung im Meisterwerk Stravinskijs suchen die (freundlichen) Protagonisten dieses (orgiastischen) Künstlerfestes erneut den (kostbaren) kulturellen Diskurs mit unserer (unergründlichen) Gegenwart.


Bilder aus der heidnischen Wachau ...
... schwerlich ist der Kampf der Sonne mit dem winterlichen Chaos berückender zu erleben als in dieser Frühlingsnacht. Der Klangraum Krems - Minoritenkirche begrüsst seine Gäste eingedenk der oftmals vergessenen Tatsache, daß es auch Siege von anderer Art gibt:
HERZLICH WILLKOMMEN!


Die Vorboten des Frühlings / Opfertanz /  TAKON ORCHESTER
Anna Hauf – Gesang
Cornelia Pesendorfer – Oboe, Englischhorn
Heinz Ditsch – Fagott, Akkordeon
Chris Gonsior, Niko Afentulidis – Saxophon
Thomas Berghammer – Trompete
Martin Ptak – Posaune
Markus Mayerhofer, Heinz Fallmann – Elektro Gitarre, Elektronik
Stefan Fallmann – Bass
Uli Soyka – Schlagwerk

Der dahinsiechende Winter, in Stroh und Moos vermummt tritt an, um in einem letzten Kampf von dem in Efeu bekleideten Frühling niedergerungen zu werden. Dem zu Boden Geworfenen wird sein struppiges Kleid vom Leib gerissen und in alle Himmelsrichtungen zerstreut. „Stab aus, Stab aus, stecht dem Winter die Augen aus!“
Das TAKON Orchester wird sich dieser Aufgabe gerne annehmen.
(M.M.)


Anrufung der Ahnen / La sève du Printemps
Agnes HEGINGER – Stimme,
Angélica CASTELLO – Blockflöte,
Thomas GRILL – Elektronics

La sève du Printemps
Der Begriff „sève“ hat im Französischen zwei Bedeutungen: einerseits bezeichnet er die Flüssigkeit, die Pflanzen durchströmt, den Lebenssaft – andererseits beschreibt das Wort auch Vitalität, Kraft, Stärke, Energie, Aktivität... Sacre du Printemps gehört zweifellos zu den faszinierendsten Werken der Musikgeschichte, nicht nur aus rein musikalischen Gründen. Faszinierend sind auch die Umstände rund um die Premiere des Stücks – eine Aufführung mit großen Namen, Tänzern, Bühnenbild, Kostümen, Masken – mit großen Zielen und mehr als 100 Proben – und nach dieser enormen Kraftanstrengung der Kontrast durch die entrüstete Ablehnung des Publikums, vieler Künstler und Kritiker. Inspiriert durch diese erstaunliche Musik und ihre Geschichte sammelten wir Material, finden Struktur und Antrieb für unser Stück, so dass es vielleicht eine bescheidene Verbeugung vor dem Streben nach übermächtigen Zielen ist,
vielleicht ein „Sacre de Stravinsky“ oder „Sacré Igor!“....


Spiele der streitenden Stämme: Wolfgang MITTERER – multi-channel-live-electronics

Frühlingsreigen / Otto M. ZYKAN / Frühling (nach einem Text von Alexander)

Ingrid Haselberger, Susanne Lebloch, Anna Hauf, Bernd Oliver Fröhlich, Mario Eder, Lukas Haselböck

Wie intelligent, daß Alexanders Kukuck doch „walkuck“ ruft und damit gleich signalisiert, daß er das im Wald tut. Und Frühling wird’s nicht bald, sondern: „auch der fliegt durch den Wald!“ Und statt zu singen, „findet er was (der „walkuck“ rufende Kukuck) und das macht ihm Spaß“
Insider wissen, daß ich bei sowas gerne dabei bin und deshalb hab ichs vertont...
Zykan im Jänner 2004.


Tanz der Jungfrauen / ANGERER-BACANIC / Der Klang der Stille
Ali Angerer – Komposition, Hackbrett, chin. Muschel, tibet. Klangschalen, Kalimba, Glasharmonika
Christian Bacanic – Akkordeon, Bandoneon,

Auflösung der Jahreszeiten - aufgeblähtes Denken pubertierender Klugscheißer - schamloser Luxus für jedermann - wahnsinnige Affengesichter herrschen im Dschungel imaginären Größenwahns - umherstreunende Kojoten umkreisen unser Kinder und lauern auf ihre Chance - dunkler Tabakqualm verbreitet sich unaufhörlich in den engen Gassen unserer Seele - endzeitliche Drohungen aus dem Munde Salomons - ein bittersüßer Duft von Schwefel kriecht auf den Straßen Sodoms.  Doch wer Ohren hat, der höre! - Wer ein Herz besitzt, verweile und lausche den Jungfrauen! Mitten in Gomorrha, umgeben vom globalen Wahnsinn unserer Zeit, tanzen sie in ihren weißen Gewändern und singen das Lied der Liebe.      


Kuß der Erde / Das 1. Wiener Gemüseorchester 
Die Instrumente sind aus Gemüse gefertigt, dazu noch (Küchen-) geräte wie Messer oder Mixer - dadurch entsteht ein eigenständiger Klangstil, der mit herkömmlichen Musikinstrumenten nicht zu erreichen ist. Die vegetabile interpretation von Strawinskys "Kuss der Erde" ist gleichzeitig die Überleitung zur Pause und zu einem köstlichen Wachauer Buffet, bei dem auch das eine oder andere Gemüse-Instrument einer weiteren (kulinarischen) Verwendung zugeführt werden kann.

*****PAUSE*****              

Tanz der Erde
abcdancecompany
Nora Stiges, Karl Schreiner (Choreographie); N. Stiges, Georgette Sanchez, Monica Cervantes, Maria E. Fernandez (Tänzerinnen); Luis E. Sayago, K. Schreiner (Tänzer)
Eines Tages überkam mich die Vision einer großen heidnischen Feier: Alte weise Männer sitzen im Kreis und schauen dem Todestanz eines jungen Mädchens zu, das geopfert werden soll, um den Gott des Frühlings günstig zu stimmen. (Igor Strawinsky)

Verherrlichung der Auserwählten / Renald DEPPE 
Feierlicher Lobgesang auf der Haut eines Esels für lichtwendige Singstimme und belebendem Zubehör.

Johanna Wölfl – Sopran, Zungenpfeife
Margarethe Deppe – Violoncello, Schlitztrommel  
Renald Deppe – Klarinette, Schwellkasten

Namhafte Musikwissenschaftler sind zu der verblüffenden Erkenntnis gekommen, dass es bei der betreffenden Komposition vornehmlich um das "schaben", beziehungsweise "abkratzen" geht, beziehungsweise um die mit jenen Handlungen verbundene  bedauerliche Tatsache, dass alles auserwählt "abgekratzte" hernach zumeist bedingungslos verherrlicht wird.
In dieser Hinsicht ist das anspruchsvolle Werk innerhalb der europäischen Kulturgeschichte als stilbildend und richtungsweisend zu betrachten.

Weihevolle Ahnenfeier / Karlheinz ESSL /  Action Rituelle (2004)  
Computer, Electronics, Sound Projection

Mein Titel bezieht sich auf die originale Satzbezeichnung von Stravinsky ("action rituelle des ancêtres"). In dem Stück werden unterschiedlichste Klangwelten aus religiösen Zeremonien (von der Gregorianik über Sufi-Gesang bis hin zu den Tänzen der Aborigines) miteinander in Beziehung gesetzt - ad majorem dei gloriam!

Aufzug des Weisen / GAGGL-HELL- MOSSHAMMER
Bodo Hell – Literatur, Ali Gaggl – Stimme, Fritz Moßhammer – Alphorn

die 3 Artikulations-Akteure Gaggl, Moßhammer und Bodo Hell erweisen mit Urtönen, Melismen und Textvorhängen dem Lenz ihre Reverenz


© Gemüseorchester

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