Imago Dei 2013

Hört die Signale...

„Die einzig revolutionäre Kraft ist die Kraft der menschlichen Kreativität (...), die einzig revolutionäre Kraft ist die Kunst. Kunst ist eine technische Möglichkeit, solche Informationen mitzuteilen. Der Mensch ist seinem Wesen nach zur Freiheit veranlagt. In der Freiheit liegt seine Kreativität begründet, seine Fähigkeit, Schöpfer zu sein. Die Revolution auf dem Gebiet des Bewusstseins brachte den freien, selbst-bewussten Menschen hervor, der außer sich selbst keine Stütze mehr benötigt. ‚Die Revolution bin ich‘, ist das Erkenntnisergebnis des freien Menschen. Mensch, du hast die Kraft zu deiner Selbstbestimmung.“

Joseph Beuys

 

HÖRT DIE SIGNALE…

In der Geschichte der Zivilisationen gab und gibt es plötzlich aufkommende gesellschaftliche Umbrüche sowie radikale Veränderungen der Macht-, Eigentums und Besitzverhältnisse. Wissenschaftliche Erkenntnisse, gewagte Erkundungen und Abenteuer der sogenannten „Christlichen Seefahrt“, kühne künstlerische Projekte, spirituelle Visionen und politisch engagierte Manifeste initialisierten scheinbar unerwartet und plötzlich ein neues Weltbild. Doch zumeist lange im Voraus waren jene Signale zu hören, welche den An- und Aufbruch der neuen Sicht- und Denkweisen rechtzeitig verkündeten.

Signale: Als Warn- oder Gefahrensignale erregten diese Orientierungshilfen von jeher die erhöhte Aufmerksamkeit des Menschen, verwiesen auf Warnung wie Entwarnung, Abschied und Ankunft, kündeten von Niederlagen und Siegen, erinnerten an Tod oder Leben. Voraussetzung dafür aber war und ist, dass die Signale auch zu hören waren und man sie deuten wollte und konnte.

Doch oftmals wurden diese ungemein wertvollen Zeichen der Zeit kaum wahrgenommen, nicht ernst genommen oder bewusst negiert wie auch verdrängt oder sogar verboten. Dadurch erreichten diese Signale, die große Veränderungen anzeigten, die Menschen oftmals unvorbereitet und überraschend. Aus der daraus entstehenden Hilf- und Sorglosigkeit der neuen Situation gegenüber entstanden Spannungsfelder, die wiederum Nährboden für Aggression, Gewalt, Vorurteile und Verletzungen aller Art waren.

Was wäre, wenn Signale rechtzeitig aufgespürt, erkannt, wahrgenommen, analysiert und berücksichtigt worden waren…? Wie auch immer, einst und jetzt: Signale sind verstärkte Wahrnehmungsaufforderungen zum Kommenden, zum Zukünftigen. Und eine verantwortete Zukunft will bewusst gestaltet werden. In diesem Sinne haben sich beim Osterfestival Imago Dei schon immer viele künstlerische Produktionen und Vorträge mit den revolutionären Kräften der menschlichen Kreativität, den Auf- und Anbrüchen, den Ur- und Abgründen kühner Reformgedanken beschäftigt. Viele Signale sind in unserer global agierenden Welt wahrzunehmen. Ein unübersehbares Konglomerat von Zeichen überflutet eine oftmals jedwede Orientierung verlierende Gegenwart. Das Osterfestival Imago Dei will mit seinem diesjährigen Programm – im 500. Jahr von Luthers Reformation und im 100. Jahr der Russischen Revolution – dem geneigten Publikum quasi eine einzigartige „Signalkunde“ bieten: bewegende, aufwühlende, mitreisende, enigmatische, betörende, erbauliche, irritierende, einfühlsame, spirituell berauschende, wildfrohe Möglichkeiten zur Wahrnehmung von „Welt“: Hort die Signale…!

Josef Aichinger
(Künstlerischer Leiter Osterfestival Imago Dei)