Imago Dei 2013

Zweifel, Liebe, Hoffnung

Die mit Tränen säen,
werden mit Freuden ernten.
Sie gehen hin und weinen
und tragen edlen Samen,
und kommen mit Freuden
und bringen ihre Garben.
(Psalm 126,5.6.)


Ungemein hohes Aggressionspotential, bedrohliche Vorurteile und quälende Missverständnisse entstehen in unserer Gegenwart bei der Begegnung der unterschiedlichen religiösen, soziokulturellen, politischen und ökonomischen Weltanschauungen und ihrer daraus resultierenden (Über-)Lebenssysteme. Besonders im Mittelpunkt steht derzeit die Konfrontation des so genannten „Christlichen Abendlandes“ mit dem von vielen westlichen Betrachtern undifferenziert als „unaufgeklärt“ bezeichneten Islam.

Der islamischen Weltsicht, deren Grundlage ebenso wie im Christentum und allen anderen Religionen der Glaube an ein transzendentes Wesen ist, wird oft mangelnde Reflexion und fehlende Selbstkritik vorgeworfen.

Doch haben schon die großen Denker der Aufklärung, vor allem Immanuel Kant, sich nicht ausschließlich auf Religionskritik beschränkt. Vielmehr bestehe die Gefahr in der geistigen Unmündigkeit, durch Faulheit und Feigheit des Menschen. Das Nicht-nachdenken-Wollen, das Fehlen jeglichen Zweifels an vorgegebenen Meinungen stand und steht im Mittelpunkt der aufklärerischen Kritik. Der Zweifel also erst, indem er zur Wahrheit führt, ermöglicht wahren Humanismus und wahren Glauben. Denn auch eine Religion, die keine Grenzen und keinen Zweifel mehr kennt, erstarrt oder wird zu eiferndem Fundamentalismus.

Es existieren aber noch andere Glaubenslehren, deren Dogmen ebenfalls wert wären, hinterfragt zu werden, etwa das Dogma vom ewig währenden Wirtschaftswachstum, das unseren Kapitalismus mit seinen Konsumzwängen rechtfertigt. Die Medienkonzerne und sozialen Netze finden über unbedarfte NutzerInnen die Gelegenheit, andere auszugrenzen und zu diffamieren. Immer mehr Menschen wollen Gewissheit statt Wissen. Diesem Umstand verdanken wir abstruse Verschwörungstheorien, Erlösungsmythen genauso wie Heilsversprechungen unterschiedlichster Provenienz.

Zweifelnde werden oft als Kritiker, Abtrünnige oder Häretiker konnotiert, die in unserer Gesellschaft möglichst schnell „mundtot“ gemacht werden. Das Zweifeln an tradierten Werten, Standpunkten, Sichtweisen und Handlungsstrategien wie auch das Staunen und die Sehnsucht nach Wissen sind im Begegnungskampf der interkulturellen Auseinandersetzungen oftmals absolut negativiert worden. Doch missverstandener Glaube, Glaube ohne Zweifel, in dessen Namen grausamste Verbrechen begangen werden, ist keine göttliche Tugend. Daher kann daraus weder Hoffnung noch Liebe erwachsen.

Die Kunst, die Musik verschafft wieder Gehör und verhindert, dass aus Zweifeln Verzweiflung wird.

Das Osterfestival Imago Dei 2016 bietet Raum für einen interdisziplinären Diskurs über den Zweifel und die theologischen Tugenden „Glaube, Liebe, Hoffnung“ auf der Basis unterschiedlichster Musikerfahrungen.

Ich lade Sie zu spannenden in verschiedenen musikalischen, kulturellen und spirituellen Welten ein.

Jo Aichinger
Künstlerischer Leiter
Osterfestival Imago Dei


„Nun aber bleiben
Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei,
am größten jedoch unter ihnen ist die Liebe.“
(Paulus, 1 Kor 13,13)


„Durch Zweifeln kommen wir nämlich
zur Untersuchung;
in der Untersuchung erfassen wir die Wahrheit.“
(Petrus Abaelardus, Sic et Non)